Reisetagebuch

Reisetagebuch eines Konzertflügels

Darf ich mich vorstellen, ich heiße Bösi Bösendorfer. Ich bin ein Konzertflügel. Nun, die Bösendorfer-Flügel waren schon von früher her immer mit besonderen Eigenschaften ausgestattet. Einer meiner Vorfahren war der Gewinner eines Wettbewerbs unter Wiener Klavierbauern und war der einzige, der dem berühmten Klaviervirtuosen Franz Liszt standgehalten hat, und nicht zusammenbrach, wie die anderen Fabrikate.

In uns Bösendorfer-Flügeln steckt Wiener Musikkultur und die Liebe zum Klavierbauerhandwerk. In meinem speziellen Falle muß aus Versehen eine Portion Reiselust mit eingebaut worden wein, außerdem die Fähigkeit zum Schreiben. Ich wurde von vorneherein in den offiziellen Park der Mietinstrumente von der Fabrik eingegliedert und in Lichtenfels in Nordbayern bei einer riesigen Spedition bereitgestellt, um auf Festivals und für einzelne Konzerte meinen Dienst zu leisten. Im Lager dieser Spedition stehen ca. 10.000 (zehntausend!) Klaviere und Flügel seite an Seite in schier endlosen Lagerhallen.

Die Klavierfabriken lagern hier viele ihrer Instrumente, um sie direkt zu den Klaviergeschäften in ganz Europa weiterverteilen zu lassen. Ein bestimmter Bereich ist für Mietflügel von Bösendorfer reserviert, die immer zu den Festivals und Konzerten gebracht werden. - So wurde ich dann mehrere Jahre lang einige Male im Monat transportiert, und es spielten bekannte Pianisten zu den jeweiligen Veranstaltungen auf mir. Da macht man so einiges durch......! Aber die Arbeit wird auch zur Gewohnheit, das heißt, man läßt es alles geduldig über sich ergehen, was die Finger an Tönen aus einem herauskitzeln wollen.

So ging es Woche um Woche, Monat für Monat, ein paar Jahre lang. Doch da kam plötzlich bei meiner Verwalterin in der Spedition en ganz merkwürdiges Telefax an: "Der Pianist Wolfgang Ellenberger wird hiermit berechtigt, unser Mietinstrument Bösendorfer, Modell 225 Opus Nr. 38.517 für ein Konzert in Würzburg ab dem 3. Dezember 1991 selbst abzuholen. Über die Rückkehr des Flügels bekommen Sie noch einen gesonderten Bescheid".

Nanu? Was war das denn? Seit wann holen Pianisten mich selber ab? Seit wann ist das Ende eines Einsatzes nicht absehbar? Tja, dann muß ich wohl mal sehen, was geschieht........

Und tatsächlich, am 4. Dezember 1991 kommt ein weißer Transporter auf den Hof gefahren, und ich werde erst einmal auf die Transportraupe "pianoplan" gehoben, mit der ein Mitarbeiter der Spedition dem Pianisten erklärt, wie man damit umgeht. Huch, das ist ja ein wackeliges Gerät! Und das ruckt so beim Anfahren! Und jetzt fährt er gar die Treppe hoch! Allerdings geht dies ganz gemächlich, und es schreieb nicht drei Leute herum, wer an welcher Ecke anheben und ablassen muß. Das ist ja direkt gemütlich, so die Treppe hinaufzufahren.

Dann werde ich in den Transporter eingeladen. Der Pianist sagt gleich zu mir, wir könnten uns duzen, denn wir würden ja jetzt zusammenarbeiten. In einer ruhigen Minute erklärte er mir, wie es zu dem Allem kam: Er war einer von den vielen tausend Pianisten, die es gibt. Wir wissen ja von der "Pianistenschwemme"......

Er hatte immer versucht, Konzertaufträge zu bekommen, auf die möglichsten und manchmal sogar auf die unmöglichsten Arten und Weisen. So war er denn auch einmal bei seiner Bank zum Direktor gegangen. In dieser Bank wurde seit Monaten die gesamte Schalterhalle renoviert. So fragte Wolfgang, mein Pianist, den Bankdirektor, ob er nach dem für die Kunden ungemütlichen Umbau nicht ein "Bonbon" servieren wollte, ein Konzert in der Schalterhalle!

Und tatsächlich, der Direktor stimmte zu! Einige Tage vor dem Termin, am Freitag, den 29. November, hatte Wolfgang noch eine Besprechung mit diesem Direktor, um noch letzte Einzelheiten der Veranstaltung zu klären. Es war ein kleiner Seiler-Flügel vom Seiler-Pianohaus gegenüber der Bank gebucht worden, so daß alles glatt über die Bühne gehen konnte. Wolfgang hatte mich vor dieser Besprechung bereits für eine andere Veranstaltung im Dezember von meinen Freunden in Wien gemietet für ein Verlagshauskonzert in Frankfurt. Dieser Kunde war so potent, daß Wolfgang mich ihm gleich zum Kauf für seine regelmäßigen Konzerte anbieten wollte. Deswegen wußte er den Preis für meine Wenigkeit......

Und diese Information hat Wolfgang keine Ruhe gelassen! Bevor er also jetzt zum Direktor seiner Bank ging, hat er überlegt und viel telefoniert, um andere Informationen zusammenzutragen, mit denen man eine "Mobile Einheit" zusammenstellen könnte, mit der er selbst den Flügel immer zu Konzerten mitnehmen könnte, als Pianist und Transporteur. Diese Konzept wollte er nun dem Bankdirektor vorlegen. Beim Anziehen am Morgen vor dem Termin fragte er sich noch, ob er nun das beste Hemd, das er für die Konzerte nutzte, anziehen sollte, oder ganz normal gekleidet kommen sollte. Aber er entschied sich für das beste Hemd.

Und das war vielleicht der ausschlaggebende Faktor, daß der Bankdirektor einer Finanzierung für die gesamte Mobile Einheit zustimmte! Denn, so war das Argument von Wolfgang, durch die Mobilität wäre der Flügel (also ich!) ein aktives Kapital mit Verdienstmöglichkeiten und würde nicht als passives Kapital nur im Wohnzimmer herumstehen. Der Herr Direktor ließ sich durch die überzeugende Darstellung dieses Konzeptes dazu bewegen, eine unkonventionelle bankerische Entscheidung zu treffen, und mich selbst, den Flügel, eine "Mobilie" als Sicherheit für die Finanzierung anzuerkennen.

Ab diesem Moment, der für unseren Pianisten ein plötzliches Aufbrechen ungeahnter Möglichkeiten bedeutete, und ihm eine riesige Erleichterung brachte, mußte er allerdings sehr viel organisieren. In sechs Tagen galt es jetzt, ein passendes Transportfahrzeug zu besorgen, dessen Laderaum, Länge und Höhe geeignet wären, mich zu transportieren oder auch einen 290 cm langen Flügel von Bösendorfer, den Wolfgang immer noch langfristig "im Auge" hatte. Dann mußte eine Transportraupe "pianoplan" beschafft werden, die seit wenigen Jahren erst auf dem Markt ist, und mit der eine Person alleine mit einem Flügel Treppen bewältigen kann. Außerdem hatte er noch einen Konzerteinsatz von zwei Tagen in Hamburg, und dann mußte ich ja zusammen mit "pianoplan" in Lichtenfels abgeholt werden.

Da war ich nun in diesem Transporter, dessen Laderaum noch ganz leer und nackt war ohne irgendeine Ausstattung, provisorisch verzurrt mit Gurten links und rechts. Ich stand also freischwebend im Raum auf der Mittelachse, bloß seitlich durch die Gurte verankert. Wir machten noch schnell einen Besuch bei einer Schreinerei, die von einem Mitarbeiter der Spedition geführt wird, und bei dem beraten wurde, wie der Laderaum ausgestaltet werden könnte, um für Transporte von Flügeln und Klavieren geeignet zu sein. Und dann ging es ab nach Würzburg.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt kamen wir auf dem Hof der Sparkasse an, und es galt jetzt, für den mit dem Transportgerät und dem Flügel unerfahrenen Pianisten, mich in die erste Etage dieser Bank zu schaffen. Da wurde erst einmal die Rampe angelegt, von der Ladeflächenkante über ein Zwischenpodest, dann über eine zweite Rampe direkt auf das pianoplan. Wolfgang hatte sich einen Helfer geholt, weil er beim ersten Mal nicht ganz alleine sein wollte. Und mich Ach und Krach zogen sie mich über die Rampe auf das Gerät, schnallten mich fest und fuhren mich -noch etwas ruckelig wegen mangelnder Übung im Umgang mit der Raupe- die zwei Treppenabsätze hinauf in die erste Etage.Dort wurde ich nun aufgebaut und konnte mich endlich nach der Strapaze einmal ausruhen.

Am nächsten Nachmittag sollte der Stimmer kommen; wie mir Wolfgang sagte, der beste von Würzburg, und stellt mir gleich den Peter vor. Aber wir kannten uns schon von den Musikfestspielen in Bad Kissingen, wo wir uns schon begegnet waren. Nun brachte mich Peter wieder anständig in Stimmung, so daß ich schön klingen konnte für das geplante Konzert.

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