Verlagshaus

Verlagshaus-Konzert

Nach dem Aufladen fuhren wir gleich nach Frankfurt am Main. Dort gibt es ein medizinisches Verlagshaus, in dessen Foyer alle paar Wochen Konzerte gegeben werden. Wolfgang wollte mich ja eigentlich zuerst diesem Verlagshaus für die Konzertreihe zum Verkauf anbieten. Als er aber dann meinen freundschaftlichen Preis gehört hatte, ließ ihm das keine Ruhe mehr, bis daß er durch die glückliche Entscheidung des Bankdirektors, der einen Flügel als Sicherheit anerkannt hat, das Geld für mich bekam.

In der Moderation des Verlagshauskonzertes wurden alle gebotenen Komponisten historisch beleuchtet unter den medizinischen Aspekten ihrer bekannten Krankheiten, sehr standesgemäß.....

Weihnachten 1991

Den 19. Dezember kam ich von Frankfurt wieder nach Würzburg und durfte es mir gleich mal im Maritim-Hotel bequem machen, wo ich für Konzerte zu den Weihnachtsfeiertagen eingeplant war. Ich wunderte mich also nicht, wenn ständig Kellner vorbeiliefen und ein geschäftiges Treiben um mich herum war. Zwischendurch bekamen dann ein paar Klavierschüler von Wolfgang ein paar Stunden verpaßt, wenn es vom Bankettplan her paßte, denn es gab immer noch kein Zuhause für mich.

Am Heiligen Abend war es dann soweit: Die Gäste kamen zum Abendessen, und Wolfgang und ich verwöhnten sie mit harmonischen klassischen Stücken.

Hören Sie die sogenannte "Harfenetüde" von Frédéric Chopin.
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So sentimental es auch wirken mag, war es doch schön, wie wir sie mit einigen bekannten Weihnachtsliedern zum Singen brachten. Himmlisch, wenn so distinguierte Herrschaften beim Singen von Weihnachtsliedern wie Kinder werden und einen Glanz in die Augen bekommen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag kam ein Dichter aus Bayreuth nach Würzburg herüber, Wolfgang P. Menge, und las abwechselnd mit Klavierstücken einige Prosa aus seinem Schaffen. Diese Kombination sagte den Gästen ebenfalls sehr zu; sie wurden zum Nachdenken angeregt und richteten ihre Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge im Leben.

So tagsüber zwischendurch wurde ich manchmal mit neuen Werken traktiert, die der Wolfgang noch ganz unsicher auf mir übte. Sie sollten schon am zweiten Feiertag gespielt werden. Da gab es nämlich einen russischen Abend. Das Servicepersonal war adrett mit kosakenartigen Gewändern gekleidet, und Wolfgang spielte aus den Bildern einer Ausstellung von Modest Mussorgsky ein paar Titel, dann ein Stück aus der Serenade in A von Igor Stravinsky. Dann wanderte das Publikum hinüber zum Kongreßzentrum, um einen Gala-Abend des russischen Staatsballettes zu genießen. Anschließend kamen meine Künstlerfreunde wieder und setzten sich ganz in meine Nähe, aber nicht meinetwegen, sondern weil sie das dort befindliche Dessertbüffet plündern durften! Dann wurde unter dem Hallo der Gruppe pianoplan geholt, ich darauf gestellt und mit Demonstration am Treppenabsatz schließlich in den Abstellraum des Congreß Centrums Würzburg gefahren. Hier kam ich zum ersten Mal hinter Gitter! Zum Glück! Denn im Kongreßsaal ist so viel los, daß sehr leicht eine unbefugte und unachtsame Benutzung eines Konzertflügels wie mir vorkommen könnte. Der vergitterte Abstellraum verschaffte mir da einfach ein bißchen Ruhe nach einer Serie von Konzerten.

Heimatlos

Wolfgang hat ja immer noch kein Haus für mich. Bin gespannt, wie lange ich hier noch warten muß. Nach ein paar Tagen wird es wieder langweilig, nur im Käfig herumzustehen. Ich bin ein Musikinstrument, ich möchte klingen, ich möchte gespielt werden. Ich möchte meine Melodien hinaustragen...!

Aber da kommt Wolfgang ja. Mal sehen, was er diesmal mit mir vorhat. Er ist nicht alleine: Da ist ein Arztkollege von ihm, der auch Klavier spielt, mit seiner Frau. Sie fahren mich in den Saal und dort ein paar Mal die Freitreppe hoch und runter für ein Foto. Jeder darf sich einmal neben mich stellen und mit mir abgelichtet werden. Dann werde ich nicht mehr in den Abstellraum gebracht, sondern darf mich am Rande des Saales auf meine drei Beine stellen. Aber es gibt immer noch keine Abholung nach Hause. Ich möchte jetzt aber endlich wissen, wo ich hingehöre! Aber warum haben sie mich auf die Beine gestellt?

Da erlebe ich einen pharmazeutischen Kongreß, an dessen Gesellschaftsabend zwei Pianisten mich zusammen mit dem gleich großen Yamahaflügel des Saales ganz gekonnt als Duo bespielen. Gut, denn dafür bekommt Wolfgang eine Flügelmiete, ohne mich selber spielen zu müssen. Für ihn auch mal ganz bequem.

Zwischendurch erlebte pianoplan eine interessante Geschichte. Er fuhr über eine ganz holprige und unheimlich historische Kellertreppe des Zeilitzheimer Schlosses mit großen Thermoschränken der Maritimküche geladen, um die Versorgung für eine Gesellschaft zu gewährleisten. Ihm war gar nicht wohl dabei zumute, denn die Schränke mußten von beiden Seiten noch von Personal gestützt werden und vollführten dennoch auf den ausgetretenen Stufen einen wahren Eiertanz.

Wenige Tage später kam Wolfgang mit einer koreanischen Familie zu mir. Da war eine 13-jährige Tochter des ehrwürdigen Herrn, die ganz phantastisch auf mir spielte, so daß eine brillante Klavierstunde daraus werden konnte. Ich bin mir sicher, daß die kleine auf den Geschmack gekommen ist, und sich später einen meiner neuen Geschwister aus Wien kaufen wird.

Mitte Januar ist es endlich soweit, daß ich wieder auf pianoplan komme und am nächsten Morgen zum ersten mal völlig alleine von Wolfgang eingeladen werde und völlig alleine wieder in einem Raum des Julius-Spital-Weingutes ausgeladen werde. Hier können wir uns ein paar Monate betätigen, unterrichten und rund um die Uhr ungestört üben. Ich bin froh, daß ich mich in einen angenehmeren Arbeitsrhythmus einfinden kann.

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