
Gleich am nächsten Tag, den 17. Januar 1992 spielt Wolfgang das ganze Italienische Konzert von Johann Sebastian Bach auf Tonbandcassette und schickt sie an eine Ballett-Tänzerin aus Cannes. Was das wohl werden soll?
Sie wollen gemeinsam einen italienischen Abend im Maritim-Hotel gestalten und zum Italienischen Konzert eine Choreographie entwerfen, um damit die "Dankeschön-Party" des Hotels an die Sekretärinnen der Partnerfirmen in Stimmung zu bringen. Zusätzlich gibt es ein paar Proben mit einer jungen Sopranistin von der Würzburger Musikhochschule, Heidrun Plesch, und noch ein paar Solo-Klavierstücke.
Bei der ersten Probe mit Heidrun habe ich mich sehr gefreut, einer so wunderschönen Stimme zur Seite stehen zu dürfen, sie zu unterstützen, sie zu tragen. Es ist doch die höchste Erfüllung für einen Flügel, eine Sängerin zu begleiten!
Und nun kam der große Italienische Abend, zum Glück ohne mich, denn beim Top-Act mit Ballett geschah etwas Ungeheures. Schon die Vorbereitung war originell, denn die ganze mit Gummimatten ausgelegte Bühne mußte mit Coca-Cola geschrubbt werden, damit die Fläche klebrig wurde und keine Rutschgefahr für die grazile Tänzerin mit ihren Spitzenschuhen bestand.
Der Höhepunkt der Choreographie mit dem Italienischen Konzert war, als die Tänzerin während des langsamen zweiten Satzes auf den Flügel hinaufstieg. Da hätte ich vor lauter Freudeschauern vielleicht nur ein paar zittrige Töne hervorgebracht. Nur wurde dann der Hotelflügel benutzt, und angeblich hat es dies in der Ballettgeschichte nie gegeben, daß eine Tänzerin auf einem Flügel einen Spagat macht. Das Publikum war entsprechend begeistert, alleine wegen der bezaubernden Erscheinung von Thran Thi Mai aus Cannes.
Foto: CCC
Sie war für ihre beste Freundin, Isabel Seabra von der Mailänder Scala eingesprungen, die kurzfristig ihren Termin absagen mußte, weil sie am darauffolgenden Tag mit einer Titelrolle in der Scala einspringen sollte. Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal mit Isabel, obwohl ihr Mai in keinster Weise nachstand.
Am 3. Februar stellte mich Wolfgang seinen Eltern vor, die gerade in Würzburg zu Besuch waren.Sie merkten sofort, daß er auf mir viel besser seine feinsten Regungen zum Ausdruck bringen konnte, als auf einem anderen Flügel, auf dem er am Abend zuvor ein Konzert gegeben hatte.
Das wirft die alte Frage auf: Muß ein Pianist auf jedem Flügel spielen können, oder geht nur ein bestimmter Flügel, um einem Pianisten zum Ausdruck zu verhelfen? Ich glaube wohl, daß der Pianist mit einer universalen Technik imstande ist, auf jedem Flügel zu spielen, ohne von einem bestimmten Modell abhängig zu sein. Aber es gibt dann doch derartige Qualitätsunterschiede unter den Instrumenten, daß bei einer bestimmten Qualität des Pianisten der Flügel Verluste zum Ausdruck bringt, die man auf keinen Fall dem Pianisten zuschreiben kann.
Und so ist es, wie mit einer geglückten Partnerschaft, wenn sich ein guter Flügel und ein guter Pianist zusammenfinden und harmonieren. Man kann dann vergessen, daß die Musik durch ein materielles Instrument hindurch geht und wird im Herzen angehoben zu einer höheren Schwingung; die Ahnung einer anderen Welt wird durch den Kuß der Musik ermöglicht.
Nun hat Wolfgang die ganze Zeit nichts Besonderes unternommen, um zu einem Haus zu kommen, in dem er ungestört mit mir üben könnte. Wir haben ja noch zwei Monate Zeit hier in diesem ehemaligen Büro des Weingutes. Aber endlich hat er mal Anfang Februar zwei kleine Anzeigen in die Zeitung gesetzt, an einem Freitag und Samstag, und er erzählt mir, daß am Freitagabend gleich jemand angerufen hat, und er am Samstag früh zur Besichtigung des Hauses gefahren ist.
Sein Anzeigentext war: "Konzertpianist sucht kleines Haus oder auch Gartenhaus zum ungestörten Üben." Der erste Anbieter war sehr nett und zeigte sein Wochenendhaus in Unterleinach. Doch die Anfahrt war viel zu schräg, um mich sicher be- und entladen zu können. In dem Moment, als Wolfgang von der Besichtigung nach Hause kam, schellte sein Telefon wieder, und der zweite Anbieter rief an.
Sie verabredeten sich sofort, Wolfgang machte auf der Hacke kehrt, besichtigte das Wochenendhaus, gerade gegenüber von dem soeben besichtigten, und es paßte alles! Die Landschaft liebte er sowieso schon von früheren Besuchen, und so freuten wir uns riesig, als am darauffolgenden Sonntag ein Mietvertrag zustandekam. Juhuu! Endlich hatten wir ein Zuhause, in dem rund um die Uhr musiziert werden konnte!
An dem Anfahrtsweg mußten langfristig noch ein paar Keinigkeiten verbessert werden, aber die Anlage war goldrichtig mit einer Gartentreppe, die mit pianoplan leicht zu bewältigen war.
Bis 1. März 1992 war noch etwas Zeit, so daß erst noch ein paar Aktivitäten liefen. Einmal stellte Wolfgang ein Gourmetgedeck auf mein Notenpult und machte von einer Leiter herunter und in allen möglichen Blickwinkeln Fotos.
Dies diente als Versuch, der Zeitschrift "Essen & Trinken" ein Foto zum Thema Konzertmenü zu liefern, das ich vorher schon erklärt habe. Das Foto war zwar nicht schlecht, doch wurde im Palais-Restaurant noch eines mit schön dekoriertem Hintergrund von einem Fotographen angefertigt, das dann mit einem ausführlichen Untertitel in der Zeitschrift erschien. Allerdings kamen auf den Artikel nur drei unverbindliche Anfragen und keine einzige Buchung für die "Mobile Einheit".
Foto: Essen & Trinken 10/1992
Am ersten März 1992 ist es dann soweit: Wolfgang bekommt den Schlüssel zum neuen Heim übergeben. Weil er so viele Termine hat, kann er mich aber erst am 15. März nach Leinach bringen.
Vorher macht er noch Einladungen fertig, die an alle Klavierlehrer im Würzburger Umkreis gehen. Sie können mit ihren Schülerklassen einen Tag im Pavillon meinen entfernten Verwandten, einen Yamaha-discflügel kennenlernen. Von uns Bösendorfers gibt es ja auch einen Computerflügel, mit einem solchen hat Wolfgang schon eine CompactDisc produziert...davon erzähle ich ein anderes Mal. Die Yamaha-discflügel sind durch ihre Bedienerfreundlichkeit besser für pädagogische Zwecke
Foto: Heußner, Main-Post vom 06.05.1992
geeignet. Mit solchen Computerflügeln kann man etwas soeben Gespieltes sofort wieder abspielen, wobei sich die Tasten von alleine bewegen.
Dann gibt es immer zwei Reaktionen.
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1) Hilfe, die Maschine tötet die Kunst... oder | |
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2) ...dann kann ich mich ja davorsetzen und so tun, als ob ich spielte (ohne es wirklich zu können!) |
Nein, keine Angst: Die Technik sollte doch nur eine sinnvolle Ergänzung zur künstlerischen Arbeit an sich selbst sein. Um sich besser zu erkennen, ist es sehr heilsam, etwas Gespieltes einmal im halben Tempo zu erleben. Wenn sich die Tasten dabei bewegen, höre und sehe ich mich, kann mit meinem Bewußtsein tiefer in den Bewegungsablauf "einsteigen" und die Ursachen für die Fehler erkennen, die allerdings anfangs manchmal bei dieser Betrachtung wie ein Abgrund vor mir auftauchen.
Zum Begleiten von Sängern kann man ganz einfach ein aufgenommenes Stück per Knopfdruck in die passende Tonhöhe transponieren, so daß der Sänger in der gerade bequemsten Lage üben kann. Natürlich ist die Begleitung dann im Tempo nicht so flexibel, wie ein lebendiger Begleiter, aber wie gesagt, zum Üben ist das großartig! Außerdem kann jemand mit sich selber vierhändig spielen, auch das ist eine neuartige Möglichkeit, Duo-Literatur zu üben, ohne daß der Partner immer dabei sein muß.
Am Fastnachtsdienstag will Wolfgang in der Stadt essen gehen. Da aber fast alle Restaurants geschlossen sind, sucht er verzweifelt weiter, bis er endlich den Wienerwald offen findet. Dort trifft er seine Bekannten Margrit und Mararetha, und sie speisen gemeinsam. Dann entwickelt sich ein spontanes Freizeitprogramm: Sie gehen erst zu mir - ich bin noch im Büro des Weingutes - und erleben ein kleines Konzert, sehr zur Freude der beiden Damen. Dann gehen sie ins noch Kino. Sehen Sie, so kann man ganz nebenbei und spontan Kultur machen.
Am 6. März fährt Wolfgang mit unserem Transporter bei einer Siebdruckfirma auf den Hof. Dann beginnen drei Männer das Fahrzeug rundherum und sogar auf dem Dach zu bekleben. Jetzt heißt es darauf: "Mobile Einheit - Konzertpianist und Flügel". ClassiCulturCentrum mit einem schönen Bild-Logo und Firma Wolfgang Ellenberger. Viereinhalb Stunden braucht er mit den Spezialisten, um die Schriften und die tüftelig anzubringende Tastatur rundherum aufzukleben.
Foto: CCC
Am Sonntag bekomme ich besonders netten Besuch: Der GMD von Würzburg, Jonathan Seers lernt mich kennen mit seiner Frau Carmen Fuggiss. Sie finden Gefallen an meinem Klang und an meiner Spielart, und es wird ins Auge gefaßt, daß ich einmal bei den neu angesetzten Rathauskonzerten gespielt werden soll. Das gibt Hoffnung, einige positive Schwingungen in den großen Sitzungssaal zu bringen, in dem sonst mit harten Bandagen politisch gekämpft wird...!
Am selben Abend fährt Wolfgang nach Berlin los mit seinem klapprigen VW-Bus, übernachtet noch ein paar Stunden direkt vor dem Messegelände, um am Morgen die Internationale Tourismusmesse zu besuchen. Dort trifft er Manfred Pahl, einen Senioren-Touristik-Unternehmer, mit dem er wiederum etliche andere Touristik-Geschäftspartner trifft. Dabei sollen Verbindungen von Seniorentouristik und Kultur besprochen werden. Es sieht so aus, als ob ich dadurch internationale Einsätze bekommen sollte. Das erzähle ich wiederum später...
Zwei Tage später fährt er schon wieder los zur Frankfurter Musikmesse. Dort bringt er eineinhalb Tage zu und versucht, alle denkbaren Geschäftsverbindungen aufzubauen.