
Dann kommt der große Moment. Mit Assistenz des Vermieters bringt Wolfgang mich nach Leinach. Die Anfahrt ist leicht seitlich geneigt! Beim Ausladen schwitzen die Männer kräftig, denn ich muß erst mit dem Holzschlitten über die hölzerne Ladefläche auf die Raupe gezogen werden, und das kostet Kraft.
Zum Glück ist einer da, mich seitlich etwas zu stützen, denn bei der Schräge wird mir ganz kippelig zumute! Endlich bin ich auf pianoplan festgeschnallt und die Fahrt geht los. Zuerst durch die Gartenpforte. Kein Problem, denn ich bin genauso schmal wie eine Person, wenn ich hochkant stehe mit abmontierten Beinen. Dann die drei Stufen runter. Ohhhh..., bei der letzten kippe ich ganz beinahe der grünen Tanne in die Arme, die neben der Treppe steht, denn die Stufe ist so schief, daß sie seitlich absackt. Beinahe wär´s passiert.
Nun geht es ein paar Meter geradeaus. Da kommt eine enge Ecke, in der ich um 90° nach links drehen muß. Dazu fährt Wolfgang die Einheit auf 20 cm Höhe, um auf der Stelle drehen zu können. Meine Spitze streift die Sträucher neben dem Weg - gerade eben gelingt es, die Drehung zu vollziehen. Die Vermieter haben zum Glück vorher schon einen Busch verpflanzt, der mich zu stark
behindert hätte. Und, holla, jetzt kommt die elfstufige Haupttreppe! Das Abkippen in die Schräge gelingt ganz gut. Doch dann passiert´s wirklich: Die Stufen sind nur lose auf den Sand gelegt, und ein paar davon kippen unter der enormen Last von 620 kg auf der Stufenkante nach oben weg, so daß ich einige cm ins Rutschen komme.
Doch irgendwie, keiner weiß mehr, warum, komme ich unbeschadet unten an und werde vor die Haustüre gefahren. Da eröffnet sich das nächste Problem: Sie ist nicht hoch genug, um mich auf pianoplan oben drauf hindurchzulassen. Also müssen die Männer mich über ein schräg angelegtes Brett auf den Boden herunterlassen und mich dann über drei quergelegte Rollen per Hand durch die Türe rollen.
Man kommt gleich ins Wohnzimmer. Über der Nebenzimmertüre an der Wand ist ein Elektromotor an einer Stange befestigt. Damit läßt mich Wolfgang gemächlich herab in die Horizontale, nachdem er schon zwei Beine anmontiert hat. pianoplan hebt mich an der dritten Ecke hoch, das dritte Bein wird eingerastet, und ich stehe in dem neuen Raum.
Neben der Türe in der Ecke ist ein Gasofen. Sehr gut, denn er ist thermostatisch regelbar. Das war die "condition sine qua non" für das Häuschen, denn ich möchte auch in Wolfgangs Abwesenheit angenehm temperiert sein.
Rechts ist das größte Fenster des Zimmers mit einem wunderbaren Blick auf ein bewaldetes Tal, überwölbt vom weiten Himmel, der immer andere Farben und Beleuchtungsnuancen offenbart. Weiter unten führt der kleine Garten den Hang hinunter bis zur Hecke, die den Übergang zum Nachbargrundstück zeigt. Links ist das Schlafzimmer, ein kleines "Kinderzimmer" und die Küche.
Es gibt nur Regenwasser aus einer Zisterne und neuerdings sogar elektrischen Strom. Ohne den könnten wir gar nicht oder nur sehr schlecht arbeiten. Licht zum Notenlesen, Strom für Radio, Fernsehen und die Musikabspielgeräte, Strom für die Schreibmaschine, die den Kunden Rechnungen stellt...!
Für´s Nötigste ist also gesorgt; vor Allem aber kann hier rund um die Uhr musiziert werden. Nicht, daß Wolfgang so fleißig wäre, aber die terminliche Flexibilität bringt einen Gewinn an Übezeit.
Zuletzt wird das Pedal angeschraubt, und dann bekommt der Vermieter das erste Konzert und freut sich, daß alles so gut geklappt hat.
Am darauffolgenden Sonntag, zwei Tage nach Frühlingsanfang gibt es ein veregnetes, aber deswegen nicht weniger fröhliches Frühlingsfest in der Bude. Es kommen zwanzig Freunde, und es wird viel musiziert, gegessen und getrunken. Gerade haben alle Platz zum Sitzen.
Schon vier Tage später werde ich über die mittlerweile mit Schrauben gegen Kippen gesicherten Stufen nach oben befördert und eingeladen. Immer noch eine wackelige Angelegenheit. Aber die Bedingungen können ja schrittweise verbessert werden. Das Schlimmste, der Rutscher vom ersten Mal ist schon vergessen. Wir fahren nach Aub, eine halbe Autostunde südlich von Würzburg, wo der zweite Klavierkurs für Ärzte stattfinden soll.