1. Ärzteklavierkurs

Der erste Ärzte-Klavierkurs

Zu diesem Aktivitätszweig kam Wolfgang wie "die Jungfrau zum Kind". Letztes Jahr fragte ihn der Direktor des maritim-Staatsbadhotels Bad Salzuflen, ob er bei der "Senioren-Akademie" im Rahmen einer Veranstaltungswoche vier einstündige verbale Vorträge über Musik halten wolle. 

Gerne sagte er zu, doch überlegte er sich mit Herrn Schellinger zusammen, wie man die Zeit mehr nutzen könnte, als nur eine Stunde pro Tag einen Vortrag zu halten. Ein Klavierkurs für Musikstudenten wäre für selbige in dem Ambiente wohl etwas teuer. Da kamen sie auf die Ärzte, die ja oft Musikliebhaber sind.

Es gibt schon etliche Ärzteorchester, aber für die sicherlich auch vorhandenen Klavierspieler gab es noch kein Angebot. Also half das Deutsche Ärzteblatt mit, eine redaktionelle Mitteilung zu veröffentlichen, in der ein Klavierkurs angeboten wurde. Fünfzehn Interessenten meldeten sich, und sieben davon nahmen letztlich teil. Ein Kollege brachte gleich seine Tochter mit.

Als Wolfgang diese Resonanz mit der Kurs-Idee erfuhr, bettelte er lange bei meiner Fabrik in Wien, ob er als Clou den Computerflügel zum Unterrichten bekommen konnte (mich kannte er damals noch nicht). Dies wurde großzügigerweise gestattet. Und der 275 SE wurde auf seinem Weg von einer Fernsehaufnahme in Bremen nach Wien über Bad Salzuflen umgeleitet.

Wolfgang bezweckte damit gleichzeitig eine Demonstration dieses Superflügels für die Maritim-Hotel-Hauptverwaltung, um die Zuständigen eventuell zur Schaffung einer "Mobilen Einheit" zu bewegen, was aber leider noch mißlang.

Der Konzerttechniker und Computerflügelspezialist Martin Müller kam aus Wien angereist - für seine Unterkunft im Hotel war bestens gesorgt, so daß der Kurs beginnen konnte. Das Konzert für die Senioren wurde live aufgezeichnet, die ganze spannungsvolle Stimmung kam mit auf die Diskette, und während der Woche editierten Wolfgang und Martin die Aufnahme und spielten noch ergänzendes Repertoire ein.

Somit war genug zu tun: Parallel Ärzte-Klavierkurs, Vorträge für die Seniorenakademie und die Produktion einer CD mit modernstem Aufnahmeverfahren ergaben eine Reihe von 16-Stunden-Tagen für den Kursleiter. Am Abschlußabend präsentierten die Teilnehmer ein höchst originelles Geschenk, eigens gezeichnete Karikaturen über die Kursinhalte, ein kleines Heftchen als

"Bebildertes Handbuch zur Ellenberger-Methode" (ISBN 3-929056-0-3, Verlag ClassiCulturCentrum).

Computerflügel-CD

Das modernste Aufnahmeverfahren für Tonträger mit einem Computerflügel lohnt sich eigentlich nur mit einem spitzenmäßig konzipierten Instrument wie dem Bösendorfer SE.

Denn er mißt die Geschwindigkeit der Tasten und Hämmer beim live-Konzert 800 mal pro Sekunde und bewertet die Lautstärke mit über 1000 Stufen. Dagegen gibt das für alle anderen Computerflügel übliche MIDI-Format (trotz aller sonstigen Vorteile) nur 128 Lautstärkestufen wieder: Beim Abspielen bemerkt man doch erhebliche "athmosphärische" Verluste, weil das menschliche Ohr bis zu 300 Lautstärkestufen unterscheiden kann. Dies ist bei einer Tonträgerproduktion nicht vertretbar. Der Bösendorfer SE hat ein speziell für ihn entwickeltes software auf IBM-Computer und ist einzigartig in seiner Qualität, alleine vom Computerteil, geschweige denn von seinen instrumentellen Eigenschaften!

Also: In der ersten Sitzung spielt der Pianist live mit Publikum ein Musikstück ein; der Flügel nimmt die Werte mit größter Genauigkeit auf.

In einer zweiten Sitzung kann nun das Eingespielte langsam durchgehört werden, und dort, wo einzelne lästige Fehler entdeckt werden, die bei wiederholtem Anhören einer Aufnahme stören würden, können die falschen Noten selektiv korrigiert werden, ohne einen Schnitt zu machen wie beim normalen Tonband. Z.B. wenn ich f gespielt habe, wo ein fis hingehört, kann ich die Note korrigieren, und die richtige ertönt genau zum gleichen Zeitpunkt mit der gleichen Lautstärke wie vorher die falsche, so daß sie sich in den lebendigen Fluß der Musik einfügt. Ein vollständiges Eintippen eines Musikstückes in den Computer ist dagegen unheimlich aufwendig und ergibt außerdem keine "Musik"; denn es sind die kleinen biologischen Unregelmäßigkeiten, die uns die Musik lebendig erscheinen lassen! Also dient dieses Verfahren nur der Korrektur der sogenannten "zufälligen" Fehler.

Erst in der dritten Sitzung stellt man ein Mikrofon vor den Flügel. Dieser nahm bisher nur die mechanische Bewegung elektronisch-optisch auf und gab sie elektromechanisch über Schubmagneten wieder, die die Taste von unten anstoßen. Dabei entsteht der Klang jeweils genau gleich, aber neu. Keine Nebengeräusche werden aufgezeichnet, wie etwa das Husten des Publikums oder das Stöhnen des Pianisten. Jetzt erst wird der von dem SE-Flügel neu produzierte Schall der korrigierten Version aufgezeichnet, und man hat einen gelungenen Kompromiß zwischen einer reinen live-Aufnahme und einem im Studio zusammengestückelten "Fleckerlteppich" aus vielen Bruchstücken, den "takes".

Man mag sagen, es solle nur live-Aufnahmen geben. O.K. sage ich, aber wer spielt schon so gut, daß unkorrigierte live-Aufnahmen veröffentlichungswürdig sind? Wer so naturalistisch denkt, sollte gar keine Tonträger benutzen, sondern nur immer selbst in die Konzerte gehen! Wer Tonträger dagegen befürwortet als angenehme Ergänzung zu unmittelbaren Musikerlebnissen, der sollte sich den Vorteil einer bearbeiteten live-Aufnahme ohne Schnitt klar machen.

(CD "Klavierabend ? mit Wolfgang Ellenberger" CCC911, Tonträgerlabel ClassiCulturCentrum)

Die Kurse gehen weiter

Ein halbes Jahr nach jenem ersten Ärzte-Klavierkurs drängte der fortgeschrittenste Teilnehmer Wolfgang dazu, doch mit solchen Kursen fortzufahren. Just in dieser Zeit las er von der Eröffnung eines neuen Kurszentrums "ars musica aub" in dem kleinen Städtchen Aub, eine halbe Autostunde südlich von Würzburg gelegen, und er verabredete sich dort mit Johannes Kommoss aus Winterbach bei Stuttgart zu einer Besichtigung. Denn eines war klar: Es sollte ein preisgünstigeres Arrangement werden.

Die Besichtigung verlief erfolgreich, Kalkulationsmodelle wurden erstellt, und es konnte schließlich der zweite Kurs zu einem Pauschalpreis von 600  DM für Vollpension, Kursgebühr und Mehrwertsteuer für drei volle Tage angeboten werden. Die Teilnehmer würden am Donnerstagabend zu einem lockeren Kennenlernen anreisen und Sonntagnachmittag nach drei Unterrichtseinheiten zu 45 Minuten geläutert wieder abreisen.

Johannes sollte als Assistent mitwirken. Er rechnete nicht damit, daß Wolfgang so schnell nach der Terminabsprache die Ausschreibung hinausschicken würde und mußte zu spät feststellen, daß am gleichen Termin ein wichtiges Familienfest anstand. Deswegen kam er dann erst beim dritten und vierten Kurs dazu, als Assistent dabeizusein.

Nun sind wir beim zweiten Kurs, das erste Mal in Aub. Wir fahren vor auf den schönen historischen Marktplatz des Dorfes, das früh aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage das Stadtrecht bekam. Gleich neben dem Springbrunnen ist das Haus Nummer drei, das wohl früher eine Gaststätte mit Pferdestall war, und erst im September 1991 als grundrenoviertes modernes Kurszentrum auf der Basis der historischen Bausubstanz neueröffnet wurde:

Dank der Privatinitiative eines jungen Architekten und eines Schulmusiklehrers, die das Projekt aus der freien Phantasie unter größten Opfern realisierten. Die originalen schiefen Mauern und Fußböden wurden genauso belassen, alle neuhinzugefügten Stützelemente wurden dezent sichtbar gemacht: Eine glückliche Verbindung aus Funktion und Ästhetik, aus Geschichte und modernen Erfordernissen.

So schön das auch war, doch barg es einen Nachteil für mich: Die Eingangstüre war so niedrig, daß ich nicht auf pianoplan hindurchpaßte! Also mußte man mich mit pianoplan als Zugpferd auf dem Schlitten über die Laderampe in den Hausflur ziehen. Im Foyer wurde ich dann aufgebaut.

Drei Tage ging es jetzt unentwegt über meine Tasten. Gut elf Stunden wurde unterrichtet. Abends machte der Architekt Felix am Kontrabaß mit dem ebenso im Hause wirkenden Jazz-Pianisten Christoph Wünsch noch eine richtige Session, daß die Fetzen flogen.

Wolfgang arbeitete mit Christoph zusammen, der auch Improvisationsunterricht anbot. Die Teilnehmer konnten ihr Stundenkontingent über die zwei Lehrer verteilen, wie sie wollten. Dadurch wurde es Wolfgang ermöglicht, am Samstagmorgen noch schnell nach Frankfurt zu fahren, wo er auf dem medizinischen Kongreß des Christophorus-Hauses einen musikalischen Beitrag bot.

Das war schon Streß für ihn. Donnerstag Flügel transportieren, Kurseröffnung. Freitag elf Stunden unterrichten, Abendveranstaltung in Würzburg besuchen, nach Frankfurt fahren, dort übernachten, morgens bis mittags am Samstag den Kongreß, nachmittags wieder unterrichten, abends das Abschlußkonzert der Teilnehmer, Sonntags nochmal von 6.30 Uhr bis 16.00 Uhr mit kurzer Mittagspause unterrichten und mich einladen.

Zurück Weiter

Reisetagebuch Sparkassenkonzert Verlagshaus Ballett Der Einzug 1. Ärzteklavierkurs Scala pianoplan Jam Sessions Der Sechzigste Begleiter?? Würzburg! Musiktherapie Residenz Urlaub HANSETRANS MusikLinks Making Of eBook