Scala

Vor der Mailänder Scala

Dann fuhr er direkt nach Bregenz weiter, um eine Freundin zu besuchen. Besonders ist mir da eine Ausflugsfahrt auf den Pfänder in Erinnerung, den Berg mit Fernsicht über den Bodensee.

Von Bregenz aus ging es nach Luzern weiter. Das Wetter war so schlecht, daß Wolfgang den Plan, in der Altstadt Straßenmusik eventuell sogar mit Flügel zu machen, fallenließ, und gleich nach Mailand weiterfuhr. Immer mit mir auf der Ladefläche. Die Nacht verbrachte er auch im Wagen. So brauchte ich keine Angst alleine im Auto zu haben. Die mitgebrachte Schaumstoffmatratze legte er über den Kasten für die Beine und die richtig plazierte Klavierbank; eine eigene Schlafebene für den Künstler mitten im Laderaum.

In Mailand wurde nun der vergebliche Versuch gestartet, von der städtischen Bürokratie die Erlaubnis zu bekommen, mit Flügel in der Galleria Vittorio Emmanuele ein Konzert geben zu dürfen. Immerhin gab es für Wolfgang zur Erholung zwei Aufführungen in der Scala zu sehen, "Iphigenie auf Tauris" und "La Traviata" von Verdi. Tiziana Fabbriccini sang so verinnerlicht und ergreifend, daß man an die großen Tage mit der Callas erinnert wurde.

Zwischenzeitlich bemühte sich Wolfgang bei einem Herrn von der Intendanz um eine Eintrittskarte für einen Geschäftsfreund -sozusagen als Werbegeschenk- und siehe da, er bekam eine Zusage! Dieser kulturelle Service führte später tatsächlich zu einem Engagement bei dem Herren, der in den Genuß der Karte kam, übrigens ein maritimer Hoteldirektor.

Wolfgang kannte hier natürlich viele Leute, weil er 1987 und 1989 jeweils drei Monate als "maestro collaboratorio di palcoscenico" unter Vertrag stand, d.h. als Korrepetitor am Corpo di ballo, am Ballett. Von daher stellte er mich so, wie ich im Auto geladen war, gerne einigen Freunden vor, insbesondere dem Portier, der ihm anfangs geholfen hatte, sich mit Leuten aus der Scala anzufreunden.

Am Freitag, den 3. April 1992 kam er erschöpft nach einer Fahrt von 1 Uhr früh bis 9 Uhr 30 früh in Leinach an, erledigte erst einmal die wichtigsten Dinge und lud mich nachmittags zum ersten Mal ganz alleine aus und fuhr mich ins Haus.

Leinacher Szenen

Ein paar Tage später kam ein lustiger Freund zu Besuch in unser Wochenendhaus: Nikolai Korschunow aus München war wieder einmal in Würzburg und übernachtete bei Wolfgang. Die beiden unterhielten sich lange angeregt, und setzten sich natürlich auch vor mich und spielten und improvisierten auf meinen Tasten. Besonders Nikolai, der eigentlich Gitarrist ist, hat früher einmal Komposition studiert und ergeht sich in schier endlosen stets originell die Harmonien modulierenden Improvisationen.

Am 8.  April kam Besuch von weit her: Marco Valeri war aus Italien zu Besuch bei seiner Mutter in Frankfurt und kam mit ihr zu Wolfgang, um sich ein kleines Konzert bieten zu lassen. Während seines ersten Dreivierteljahres in Mailand 1986 hatte Wolfgang nämlich im Hause Valeri gewohnt und sogar dem Sohn Klavierunterricht erteilt, wodurch sich die Miete gleich verringerte.

Der Vater Marco ist Lederwarengroßhändler und engagierter Musikliebhaber: Wo auch immer er in europäischen Großstädten seine Kollektion vorführt, geht er in die Opernhäuser und Konzertsäle, um tiefer in die klassische Musik hineinzukommen. Nun saßen sie da bei Kaffee und Kuchen, tauschten sich über die vergangenen Jahre aus. Dann hörten sie einige Musikstücke und fuhren wieder von dannen.

Ausgerechnet zwei Tage später kam gerade der Sohn Danilo in Würzburg vorbei und zeigte mit meiner Hilfe seine neusten Fortschritte. Seit der Zeit des Klavierunterrichts in Mailand hatte er wirklich viel getan, und an der Universität von Bologna einige musikalische Fächer studiert als Teil eines studio generale.

Zwischendurch half Wolfgang mit pianoplan der Familie eines von Würzburg nach Karlsruhe ziehenden Klavierschülers beim Umzug und fuhr dessen Klavier die vier Etagen hohe Treppe hinunter: Da die Familie den Umzug aus Kostengründen selber machte, wären sie sonst kaum damit fertig geworden.

Dann kam einmal ein Spediteur aus Bayreuth vorbei, um sich mit meinem kleinen Bruder, dem Straßenklavier pianoplan vorführen zu lassen. Ganz fachmännisch fuhren die Männer die Gartentreppe hinauf und wieder herunter, mit und ohne Klavier, einmal steuerte der Erfahrene, und dann durfte sich der Interessent an dem Gerät probieren.

Die Demonstration war gelungen, der Kunde kaufte sich ein pianoplan! Denn wer einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wie eine Person alleine mit Klavier oder Flügel die Treppe bewältigt, der ist schließlich dazu bereit, positiv auszurechnen, daß sich das Gerät in ein bis zwei Jahren amortisiert, zudem die Gesundheit der Mitarbeiter geschont wird, und daß das Unternehmen mit moderner Technologie an Image bei der Kundschaft gewinnt.

Mitte April bringt mir Wolfgang einen "Regenanzug" mit. Bei einer segeltuchverarbeitenden Firma hat er ihn nach einer mir zuvor aufgelegten Papierschablone maßschneidern lassen. Mit diesem Umhang kann ich nun bei jedem Wetter auch draußen transportiert werden, ohne Gefahr zu laufen, naß zu werden.

Wissen Sie, was es für einen Flügel bedeutet, naß zu werden? Es kommt wohl darauf an, wo! Ein paar Tropfen auf den Polyesterlack machen wohl kaum etwas aus. Doch wenn einmal Flüssigkeiten in den Stimmstock gelangen, kann es so weit kommen, wie in einer Musikhochschule, wo in den Übezimmern ein Aushang zu lesen war: Bitte unbedingt keine Speisen und Getränke auf die Klaviere oder Flügel stellen! Es mußten im letzten Semester einige Instrumente verschrottet werden, in deren Stimmstock Flüssigkeit gelaufen war und einen irreparablen Schaden verursacht hatte! Den Anzug bekam ich für eine geplante Tournee.

Doch zuvor wurde ich sehr vernachlässigt. Auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau in Würzburg sollte dieses Jahr eine kleinere "Frühlingsschau" stattfinden, für die Wolfgang einen disc-Flügel von Yamaha kostenlos aus Hamburg geliefert bekam, und auf dem er von Ostern bis Pfingsten sieben Wochen lang täglich zwei und mehr Stunden für die vorbeiziehenden Gäste spielte. So versteht sich, daß er zu Hause keine besondere Lust hatte, noch zu üben oder nur so zu spielen. O.K. für mich. Denn zuvor hatte ich alle Tasten voll zu tun.

Endlich auf Tournee

Am Ostermontag lädt mich Wolfgang in den Transporter ein und fährt mit mir am darauffolgenden Morgen nach Hannover. Die Entladung im Veranstaltungssaal beginnt leicht; man fährt auf einer Ebene von der Straße neben dem Saal durch eine Tür hinein, doch dann? Die Bühne ist gut einen Meter hoch. Vor ihr geht eine schmale Aluminiumrampe herauf, die nur dem Aufbau dient und beim Konzert fehlt. Ihre Tragfähigkeit ist gut 500 kg. Mit pianoplan zusammen wiege ich aber 620 kg. Wir setzen an, unten auf die Rampe zu fahren, sie biegt sich weit durch, aber es geht noch einmal gut; die Sicherheitstoleranzen der Konstruktion sind voll ausgeschöpft worden...

Oben auf der Bühne wartet Wolfgang nun auf den technischen Tourneeleiter. Ich stehe noch hochkant und werde als Lehrbeispiel ein paar Mal auf die Rampe hinuntergefahren und wieder hinauf. Puh, jetzt habe ich aber genug! Immerhin hat der begabte Techniker in einer knappen Viertelstunde den pianoplan-"Führerschein" gemacht. Mit den schnell aufgenommenen Erkenntnissen kommt er die ganze Tournee durch neun Städte wunderbar mit mir zurecht.

Der amerikanische Jazzpianist John Cale entlockt mir Töne aller Farbnuancen, fast von Klassik bis zu Jazz, hin bis zu musiktherapeutischen Klängen. Doch ein Faktor der Tournee stört mich empfindlich: In manchen Sälen darf geraucht werden. Es sind Jazz-Treffpunkte, in denen gleichzeitig auch Getränke konsumiert werden, und wo die Leute auf der großen Parkettfläche einfach stehen und sich mit der Musik wiegen.

Der Gestank von kaltem Rauch blieb mir auch nach der Tournee noch etliche Tage erhalten. Hoffentlich muß ich nie wieder unter solchen Umständen spielen!

Als mich Wolfgang in Köln abholt, bringt er nette Begleitung mit. Seine frühere Schülerin Irmelin Sloman, die gerade in Köln Gesang studiert, hört sich gerne das Konzert an, und sie kommen ganz erheitert von einem Essen in einer Pizzeria, um mich einzuladen und abzuholen.

Dem armen pianoplan ist die Buchse halb abgerissen worden, in die das Ladegerät eingesteckt wird, die Tourneehelfer sind rauhe Gesellen, die schnell fertig werden wollen... Von Mitternacht bis 3 Uhr 15 rasen wir von Köln nach Würzburg. Wolfgang hat so viel zu tun, Termine, ein mailing fertigmachen, zum Fotografen, nebenbei ein Tanz in den Mai, daß er erst einen Tag nach der Ankunft dazu kommt, mich morgens ins Haus zu bringen! Und erst abends werde ich dann von der vertikalen Stellung heruntergeholt und richtig im Zimmer aufgestellt.

Freundeskreis

Nun geht es normal weiter, am Sonntag kommen die Leinacher Nachbarn zum Frühstück. Man trifft sich alle paar Wochen mit dem Freundeskreis in einem der Häuser, um sich auszutauschen und lebendigen Kontakt zu pflegen. Wenn dieser Anlaß bei Wolfgang gefeiert wird, muß ich natürlich immer etwas arbeiten. Nachdem der größte Hunger gestillt ist, mögen die Freunde mit schöner Musik unterhalten werden: Ja, ja, das hat schon Brecht bei der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" gesagt: Man muß den Leuten erst Brot geben, dann die höheren Dinge ins Gespräch bringen...

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