
Am Himmelfahrtstag kam eine Flötistin aus Amsterdam für drei Tage zu Besuch. Sie ging mit Wolfgang einen ganzen Stapel mit Noten vom Blatt her durch und sie hatten viel Spaß daran. Besonders die "Grande Polonaise Brillante", komponiert vom Erfinder der modernen Klappenflöte, Boehm, konnte den Leiter der Frühjahrsschau und seine Frau beeindrucken. Dieses Stück wurde dann später im Herbst ausgewählt für das IBM-Konzert im Residenzschloß Bad Urach.
Da kann man mal sehen, was bei so einem musikalischen Kennenlernen herauskommt. Wolfgang kannte Jacqueline Dekker von Bayreuth, wo er im Markgräflichen Opernhaus zu den halbstündlichen touristischen Führungen gespielt hatte drei Festspielzeiten lang. Sie war dort im Urlaub und zwar ohne Flöte. Erst jetzt, Jahre später, konnte er ihr Talent wirklich erleben und auch bald darauf einmal für eine Veranstaltung miteinbeziehen.
Dann kam anderentags eine ganze Schar von Musikerfreunden in den Pavillon, sie erzählten mir die Geschichte dann beim Frühstück in Leinach, und machten eine richtige Session mit klassischer Musik. Sogar eine richtige Opernsängerin war da, Evelyn Bulin-Holzschuh und sang "Un bel dì vedremo" von Puccini, so daß es weit über die Häuser der Stadt hinausschallte!
Kurz vor Pfingsten führte ein medizinischer Journalist in Leinach, mit der Schulter an meine lange Seite angelehnt, ein Interview mit Wolfgang durch, das dann mit Fotos von mir auf dem pianoplan in der Medical Tribune veröffentlicht wurde. Er stellte viele verständnisvolle Fragen, und der Bericht war gut zwei Seiten lang und enthielt fünf Fotos, davon drei in Farbe.
Wieder in Wien!
Unmittelbar nach Pfingsten packte mich Wolfgang ein und fuhr mit mir in meine Geburtsstadt Wien. Das war eine riskante Unternehmung, weil ich ja Elfenbeintasten habe. Denn seit dem neuen Artenschutzgesetz darf kein Elfenbein über irgendeine Grenze transportiert werden. Wolfgang riskierte also mit dem Grenzübertritt, daß ein Zöllner diese Tatsache bemerkte und mich samt "Schmuggelfahrzeug" beschlagnahmte! Damit wäre seine Existenz ruiniert gewesen.
Aber er rechnete sich für diesen Extremfall aus, daß er ja ein Carnet ATA für mich besaß, den Unschuldigen spielen könnte und notfalls Gnadenapelle an die Staatsregierung richten könnte. Er nahm also einen kleinen Grenzübergang in der Nähe von Passau, wo die Zöllner noch nicht so viel von Flügeln kannten, geschweige denn ahnten, daß sie Elfenbeintasten haben könnten und rutschte glücklich über die Grenze nach Österreich hinein.
Um zwei Uhr nachts kamen wir vor der Bösendorfer-Fabrik in der Gaf-Starhemberg-Gasse an und Wolfgang legte sich an meiner Seite im Transporter schlafen. In der Fabrik wurde zweieinhalb Tage lang an mir gearbeitet. Die Regulierung der Mechanik und die Intonation der Filze wurden optimal eingestellt; ich kam mir anschließend vor wie ein Rennwagen, der in den Boxen fitgemacht wurde.
Derweil vergnügte sich Herrchen mit Ausflügen und Freundesbesuchen in Wien. Einen Tag brachte er am Neusiedlersee zu, einem großen Binnensee mit breiter Schilfzone an den Ufern. Nach getaner Arbeit durfte ich noch einmal eine Schaufahrt die Treppe an der Fabrik hoch auf pianoplan machen, und der neue Generaldirektor, Herr Dr. Mario M. Hilse, schaute dabei zu.
Dann ging es nachts quer durch Österreich. Nach einer mehrstündigen Schlafpause überquerten wir bei strahlendem Wetter eine der schönsten Paßstraßen, die Silvretta- Hochalpenstraße und gelangten nach Gaschurn im Landesteil Vorarlberg.
Im Sanatorium Dr. Felbermaier gab Wolfgang einen Klavierabend auf einem Bruder von mir, einem betagteren Bösendorfer-Konzertflügel. Sofort nach dem Konzert fuhren wir wieder weiter, über die kleine verschlafene Grenzstation am Bodensee - zum Glück, ohne mit meinem Elfenbein erwischt zu werden - und kamen um vier Uhr nachts zu Hause an.
Der arme Gartentisch...!
Es folgte einige Zeit mit normalem Tagesgeschäft und Büroarbeit und etwas Üben. Einmal wurde der Transporter von einem Freund für einen Umzug ausgeliehen, und die "richtige Opernsängerin vom Rosengartenpavillon", Evelyn Holzschuh, kam mit ihrem Freund, dem Markus Bulin, zu Besuch.
Am darauffolgenden Morgen sollte ich ins Würzburger Stadttheater gebracht werden. Die Haustüre war sehr niedrig, denn es handelt sich ja um ein Wochenendhaus in Selbstbauweise. So mußte Wolfgang mich im Zimmer hochkant kippen mit Hilfe eines kleinen Elektromotors, dann auf dem Schlitten, der mit Gleitrollen präpariert war, durch die Türe schaffen und dann erst mit Mühe und einer Umstellung des Seilzuges auf die Raupe pianoplan hieven. Das war Schwerarbeit.
Am frühen Sonntagmorgen um halb sechs war er schon aufgestanden und begann mit der Arbeit. Evelyn und Markus schliefen noch. Beim Hinaufziehen auf pianoplan war ich jedoch mit einer Schlittenkufenkante seitlich nicht richtig aufgelegt. Da verlor ich das Gleichgewicht und donnerte mit lautem Krachen auf den Gartentisch! Autsch!
Zum Glück gab er nach und deformierte sich zu einem Stück Sperrmüll. So wurde der Schlag für meinen Corpus etwas erträglicher und es blieb mir nur eine kleine Kerbe. Für Wolfgang war es natürlich unmöglich, meine ganzen 370 Kilo wieder alleine hochzukippen, und er freute sich über die Hilfe von Markus und Evelyn.
Erst zwei Monate später kam Wolfgang dazu, die Türe nach oben zu erweitern mit einem gemieteten Schlagbohrhammer unter einer roten Staubwolke, die das ganze Zimmer und die überdachte Vorterasse bedeckte. Das entstandene Loch schloß er durch einen provisorischen Aufsatz auf der Türe, die sie höher machte.
Meine Premiere im Würzburger Theater...
Am Theater traten neue Probleme auf. Die Rampe zur Bühnenebene war mindestens hüfthoch, und es war unmöglich, von Transporter direkt hinüberzurollen. Mit pianoplan war die Höhe ebenso unerreichbar. So ließ der Bühnenmeister seine Männer schnell eine schiefe Ebene aus starken Bohlenbrettern zimmern, und mit Zittern und Ach und Krach fuhr ich daran hinauf.
Die Liedmatinée mit dem Tenor Andreas Wagner war sehr schön und der Generalmusikdirektor Jonathan Seers war auch mit mir zufrieden. Der Abbau mit Verladung ging dann so schnell, daß die Männer kaum Zeit hatten, zum Zuschauen mitzukommen. Ein paar haben wirklich verblüfft geschaut!
Wolfgang fuhr am Abend noch nach Heidenheim zu den Festspielen, wo Evelyn im Freischütz die Agathe sang. Am nächsten Tag traf er sich wieder in Stuttgart mit Herrn Geyer, um die IBM-Veranstaltung weiter zu planen.
... und im Rokkoko-Schlößchen
Kaum zwei Wochen hatte ich Ruhe, von einer Unterrichtseinheit mit der Frankfurter Kinderpsychiaterin abgesehen, als ich schon wieder herumtransportiert wurde, auch nicht so weit, an einen schönen Ort: Ins Rokkokoschlößchen Veitshöchheim. Hier stand ich zuerst drinnen für Vorproben.
Am Aufführungsabend sollten wir vor dem Schloß im Freien musizieren. Aber das Wetter war sehr windig und fette Wolken flogen über den wunderbaren Rokkokogarten. Die Bestuhlung für das Publikum und das Orchester war schon fertig aufgebaut. Wegen der Unsicherheit ließ mich Wolfgang hochkant auf pianoplan stehen bis zum letzten Moment.
Und das war gut so. Denn eine Stunde vorher fing es mit wechselnden Schauern an zu regnen, so daß der Veranstalter entschied, schnell in die Mainfrankensäle umzuziehen. Ich fuhr wieder die fünfstufige Sandsteintreppe hinauf. Krack! Da war ein kleines Stück von der Stufenkante abgebrochen! Wolfgang warf es schnell in den Papierkorb, aber der Hausmeister hatte den Schaden schon entdeckt. Da wird wohl die Versicherung aufkommen müssen...
Auf der anderen Seite des Schlößchens mußten wir wieder eine so kleine Treppe hinunter. Wolfgang legte eine der beiden Holzrampen darüber und wir konnten diesmal ohne einen Schaden weiterkommen. Einladen, die zwei Kilometer zu den Mainfrankensälen hinüberfahren, und dann abladen. Hinein in den Fahrstuhl.
Haaaalt! Da reicht´s oben nicht in der Höhe. Also mußte ich runter vom pianoplan und auf dem Schlitten in den Fahrstuhl hineingeschoben werden. Oben auf der Bühne war ich schnell aufgebaut, und das Konzert konnte pünktlich beginnen! Das soll mal einer nachmachen, nur eine Stunde vor dem Open-Air-Konzert noch umdisponieren in einen Ausweichsaal. Es geht wohl nur mit der "Mobilen Einheit" so schnell.
Den Weg aus dem Saal heraus nahmen wir dann die Bühnentreppe hinunter in den Saal. Sie war wie so oft diese kleinen Treppen sehr steil, daß mir richtig schwindelig wurde und ich beinahe vorneüber gepurzelt wäre, wenn nicht zwei Männer schnell mit angefaßt hätten.
Dann war auch die Saaltüre zu niedrig, um oben auf dem pianoplan durchzufahren. Man sollte manche Architekten doch zum Mond schießen! Wir mußten dann durch eine genügend hohe Türe hinaus auf die Balkonterasse, außenherum durch das Foyer und die Haupteingangstüre, vor der eine Freitreppe auf das Straßenniveau führte. Puh, das war umständlich, und das nur, weil die Konstrukteure für Veranstaltungsräume keine Ahnung haben, was denn so alles auf die Bühne geschleppt werden soll...