
Am 17. Juli 1992 wurde ich wieder aufgeladen. Diesmal ging es etwas weiter weg nach Hamburg. Wolfgang kam nachts um 4 Uhr bei seinen Eltern an, schlief erst einmal ein paar Stunden, um dann mit ihnen zu frühstücken. Dann fuhren wir nach Wellingsbüttel im Nordosten der Stadt Hamburg zum hübschen Tor- haus, in dem regelmäßig Konzerte veranstaltet wurden.
Frau Juwelier Willer
hatte ihren 60. Geburtstag und wollte ihn mit einem Konzert zu- gunsten tschernobylgeschädigter Kinder feiern. So gab es am Samstag einen richtigen Klavierabend mit der großen Sonate op.1 von Brahms und den vier Schubert-Impromptus op.90 und einer Mozart-Sonate KV 310 für die persönlichen Freunde von Willers.
Jeder durfte dann kräftig spenden an Stelle von Geschenken. Am Sonntagmorgen war das Programm der Matinée ganz auf Kinder abgestimmt mit kleinen Sonatinen und leichteren Stücken, denn der Erlös dieses Konzertes kam dem Wellingsbütteler Kindergarten zugute.
Mein An- und Abtransport war für die vor und nach dem Konzert anwesenden Gäste, die mit einem Partyservice bewirtet wurden, natürlich sehr interessant. Einer drehte sogar einen Videofilm davon. Das Einladen auf die Ladefläche war noch umständlich mit einer Metallrolle unter dem Schlitten, wodurch ich etwas kippelig wurde und Wolfgang mich schwer hinüberwuchten mußte vom angehobenen pianoplan auf den Transporter.
Später im August in Bayreuth entdeckte er ganz einfache Möbeltransportrollen, die er unter den Schlitten derart montierte, daß die Rollen wenige Millimeter unten herausguckten. Damit konnte ich ohne Metallrolle ganz einfach von der Ladefläche auf pianoplan und umgekehrt geschoben werden. Bei leicht geneigtem Gelände genügt sogar ein Schubs mit nur einem Arm, und ich rolle gemächlich hinein bis zum sanften Anschlag vorne an der Leiste.
Am Nachmittag nach dem Konzert besuchte Wolfgang seinen Klavierprofessor, Conrad Hansen und seine Frau zum Tee. Er führte mich vor, wie ich im Auto verstaut bin, und der 85-jährige gütige Prof. Hansen war erstaunt über die technischen Möglichkeiten.
Bayreuth
Nun reisten wir direkt nach Bayreuth, wo ich im Steigenberger Festspielrestaurant, direkt neben dem Richard Wagner-Festspielhaus, abgestellt wurde. Ich sollte Werbung machen für meine Geschwister, alle Bösendorfers, und außerdem für den Veranstaltungsservice von Wolfgang. Er stellte eine hölzerne Butlerfigur namens Charlie neben mich, die ein Tablett mit Prospekten hinhielt.
Hier stand ich nun eine gute Woche, bis mich Wolfgang an seinem Geburtstag, dem 1.August, abholte zum Sommerfest in der herrlichen Eremitage. Das "Wochenendschlößchen" des Bayreuther Markgrafen Friedrich und seiner Frau Wilhelmine ist umgeben von dem ältesten künstlich angelegten Park Europas. Alle riesigen Bäume, alle reich strukturierten Anlagen mit Grotten, Bassins, Pavillions sind künstlich angelegt worden vor 250 Jahren.
An jedem ersten Augustsamstag findet hier ein großes Sommerfest statt, zu dem über 10.000 Leute aus der ganzen Umgebung kommen. Wir sollten nun im Eingangsbereich, an dem alle vorbeiströmten, sozusagen Straßenmusik machen für ein geringes Honorar des Veranstalters, der Stadt. Das hatten wir aus Spaß an der Freud so zugesagt.
Aber der Auftritt begann mit Schwierigkeiten. Direkt neben dem zugeteilten Ort war eine Kinderspielwiese. O.K., wenn Kinder etwas lebendig sind. Jedoch mußte der Moderator unbedingt ein Mikrophon benutzten und das mit voller Lautstärke? Das nenne ich Animation, die Kinder mit Lautsprechergetöse vollzubrüllen!
Dort zogen wir sofort weg weiter vor zur Eingangsstraße, an deren Rand wir ein optisch und akustisch günstigeres Plätzchen fanden. Kaum begonnen, dräute es sich am Himmel zusammen, und schon nach einer guten Stunde mußten wir sicherheitshalber einpacken.
Der Veranstalter fing auch noch an, sich zu beschweren, daß wir nicht so lange gespielt haben, aber er muß die Verhältnismäßigkeit wohl voll aus dem Auge verloren haben, daß wir für ein Sechstel des normalen Honorars kamen und daß man mit einem vollgeregneten Flügel etwa 90.000 DM Kapital riskiert, denn wenn Wasser in den Stimmstock kommt, dann kann man einen Flügel nur noch wegwerfen (zumindest im übertragenen Sinne).
Nun kam ich zum Jugendkulturzentrum in die Äußere Badstraße. Dort sind etliche örtliche Jugendgruppen aktiv, und besonders im August gibt es das Internationale Jugendfestspieltreffen (IJFT), das mit den Richard Wagner Festspielen verknüpft ist. Die ca. 350 Teilnehmer, junge Musiker aus aller Welt, bekommen Festspielkarten zugeteilt.
Das IJFT bietet viele Kurse an: Es wird meist eine Produktion einer kleinen Oper durchgeführt, sowie ein Symphoniekonzert, Kammermusikkonzerte mit Tournee durch ganz Oberfranken, Komponistenworkshops, Harfenworkshops etc. Während des am 5.August beginnenden IJFT, kurz "Treffen" genannt, wurde ich von vielen verschiedenen Pianisten bespielt.
Ich stand die meiste Zeit in der Fahrradgarage des Wirtschaftsgymnasiums, in dem die Teilnehmer wohnten. Hier wurde das Bettzeug ausgeliefert. Wahrlich kein repräsentativer Platz. Aber es kamen so viele gute Musiker, und ich wurde allen möglichen wichtigen Leuten gezeigt, bis hinauf zu Bundesministern, und durfte für sie spielen. Denn die Herrschaften kamen immer nebenan in die Heimleitung, um etwas zu trinken, und dann gab es als Höhepunkt und Abschluß ein kleines Konzert mit mir in der Bettenkammer...
Mein Höhepunkt war der sogenannte "Social Evening", an dem ich auf das frisch aufgebaute Holzpodest des Pausenhofes gefahren wurde. Doch die Treppe am Podest war (wieder mal) so steil, daß Wolfgang sich eine ganze Zeit lang davorstellen mußte, um eine Lösung zu überlegen, wie ich da hochkommen konnte.
Da fiel sein Blick auf eine große Bierkistenpalette der Brauerei, die am Abend ausschenken sollte. Ruck zuck war die Palette angelegt, und ich konnte mit angenehmer Neigung hinauffahren. Der Holzboden mit ziemlich dünnen Brettern bog sich gefährlich, doch ich kam zum Stehen, und dann...
Es wurden noch die letzten Stühle aufgestellt um 18.00 Uhr, als die Generalprobe zu einem Klavierkonzert von Joseph Haydn in D-dur begann. Das "Haydn-Spaß-Orchester" war aus Teilnehmern des Treffens vor zwei Tagen zusammengetrommelt worden, und man hatte nur eine Stunde geprobt.
Nun, die Generalprobe lief schon viel besser, und am Abend kamen wir angesichts des Publikums richtig in Schwung. Das Finale des "Rondo all´ungarese" war besonders mitreißend wie ein wirbelnder Sog.
Das war schön unter freiem Himmel, auch wenn die Leute dabei Bier tranken und redeten. Einmal spielte Wolfgang mit mir und dem Korrepetitor Frank Löhr auf einem anderen Flügel das Klavierkonzert in A-dur KV 488 von Mozart aus Spaß an der Freud.
Straßenmusik
Gleich nach den abwechslungreichen Tagen in Bayreuth wurde ich mitgenommen wieder nach Aub, wo der vierte Ärzteklavierkurs stattfand. Er war mit 13 Teilnehmern voll ausgebucht. Wolfgang mußte drei Tage Marathon unterrichten, täglich 13 Dreiviertelstunden. Eine begabte Physikumskandidatin war wieder dabei: Was da für Talente schlummern...!
Dr.med. Karl Otto Dörenberg spielte auf mir die Sonatine von Reger deartig schön, daß ich mich wie von einem Profi behandelt fühlte. Eine Ärztin brachte frischen Duft mit zur Stunde - sie war gewohnt, bei jedem Wetter draußen im Freien zu schlafen, und sie hatte sich vor dem kleinen Örtchen Aub eine schöne Wiese ausgesucht zum Übernachten!
Es kamen immer mehr Wiederholer; der Mann mit dem verkürzten Ringfinger war wieder da, die Landärztin auch schon zum zweiten Mal. (Bis 1996 schon 8 Kurse gebucht!). Ein stiller, motivierter Allgemeinarzt lernte Wesentliches und entschied sich im Dezember, mit Wolfgangs Beratung einen großen Flügel zu kaufen.
Dazu bekam er tollen Service: Sie trafen sich in einem Geschäft, das drei Exemplare des gewünschten Modells zur Auswahl bereithielt (einer war unmittelbar vorher von der Fabrik eingetroffen), um dort das am Besten geeignete auszuwählen. Dazu setzten sie sich immer wieder vor jeden Flügel und spielten, bis sich die Entscheidung herauskristallisierte. Dann brachten sie den Flügel direkt aus dem Laden nach Hause zum Kunden, der dann noch ein Hauskonzert zur günstigen Vermittlung obendrauf bekam!
Ein anderer Allgemeinarzt spielte mit wunderbarer Klangbalance auf mir: Er brachte mich so richtig zum Singen, und die anderen hörten gebannt zu. Es gab wieder viele Stücke zum gegenseitigen Vorspielen. Der Disput über die richtige Klaviertechnik wich diesmal zum Glück der Musik selber.
Sofort nach dem Kursus brachten wir das geliehene Disclavier zu Wolfgangs Schüler zurück. Bei der Anlieferung passierte ihm etwas Dummes. Er hatte den Autoschlüssel unter die Zimmertüre geklemmt, damit sie offenblieb, um mit dem Klavier ungestört hindurchfahren zu können. Nachher verließ er die Wohnung mit pianoplan, schloß die Türe, lud pianoplan auf die Ladefläche und wollte einsteigen.
Nun war aber der Schlüssel noch in der verschlossenen Wohnung! Also half er sich, indem er die Trennscheibe zwischen Ladefläche und Fahrerkabine ausbaute und seinen Ersatz-Autoschlüssel aus der Tasche holte. Jetzt starteten wir nach Luzern in der Schweiz, wo wir kurz nach Mitternacht ankamen.
Am nächsten Mittag fand das erste Internationale Straßenmusikfestival statt. Wir bauten uns auf dem Löwencenterplatz auf und boten 20 Minuten Programm. Eine Jury saß am Rande des Platzes und es sollte Preise geben.
Doch kamen wir nicht weiter. Warum? Später hörten wir eine Begründung: Es wäre zu konventionell klassisch gewesen. Aber hallo! Die Herrschaften haben sich wohl noch nie vorgestellt, was es organisatorisch bedeutet, erstens mit einem Top-Flügel eigenhändig transportiert auf die Straße zu gehen, und dann künstlerisch, wie schwierig es ist, mit einem langsamen Satz wie dem berühmten Stück aus der "Mondscheinsonate" von Beethoven, trotz Straßenlärms einen ganzen Platz voll Leute dazu zu bringen, mucksmäuschenstill zuzuhören...!
Mein Resüme ist, daß niemand ein Straßenmusikfestival veranstalten soll, der von Straßenmusik keine Ahnung hat und außerdem noch die Beratung durch erfahrene Straßenmusiker ablehnt. Als Flügel darf man doch so etwas einmal in aller Deutlichkeit aussprechen.
dpa-Foto
Am 27. August waren wir längst wieder in Bayreuth und standen "Modell" für einen Fotographen von der Deutschen Presse Agentur dpa. Wir hatten uns den schönsten Platz bei herrlichem Sonnenschein ausgesucht, nämlich den Sonnentempel der Eremitage.
Das Foto wurde der dpa angeboten - und auch genommen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate hörten wir immer wieder, in welcher Zeitung es erschienen war, also insgesamt eine große Resonanz bzw. billige Werbung für unsere "Mobile Einheit".
Transportweg-Entwicklung
Als wir endlich wieder in Leinach ankamen, stellte mich Wolfgang vor der Haustüre mit meinem "Pyjama" bekleidet ab. Die Transport-Schutzhülle hatte ich ja seit der Tournee mit John Cale. Nun schützte sie mich vor viel rotem Staub, der beim Ausmeißeln der Erweiterung über der Türe entstand, wie schon vorher angedeutet.
Wolfgang machte dabei allerdings einen Fehler. Er versuchte, den doppelten Betonbalken über der Türe mit der Anhebungsfunktion des pianoplan und einer keilförmig zugespitzten Eisenstange auseinanderzudrücken. Das mißlang. Denn pianoplan verbog sich an dem unteren Hebearm, so daß es schief stand, was für Flügeltransporte gefährlich wäre. Also mußte er eine kurzfristige Spritztour nach Vercelli (zwischen Milano und Torino in Norditalien) unternehmen und bei dem Hersteller eine Reparatur durchführen lassen.
Ingenière Buscaiolo
Der bescheidene Klavierhändler, der für seine Mietinstrumente dank seiner technischen Begabung einen Hilfsapparat konstruierte, hat der Menschheit ein großes Geschenk gemacht.
Durch seine Erfindung können Schwerguttransporte mit dem meist diffizilsten Transportgut Klavier, oder auch mit Tresoren, Möbeln, Geräten nahezu ohne Anstrengung durchgeführt werden. Die Prototypen sind viel kürzer, als das für große Flügel ausgelegte moderne pianoplan, da er zuerst den Transport von Klavieren lösen wollte. Als dies ging, kamen auch Flügel dran; und letztlich hat Wolfgang für den "überlangen" Imperial eine stabile Zusatzplattform zusammen mit Ali Schreiner entwickelt.
Die Gelegenheit verband er mit zwei Tagen Urlaub im Trentiner Oberland. Am Lago Tovel, dem einzigen See, der sich alle paar Jahre wegen eisenhaltiger Algen rot färbt, beginnt ein traumhafter Gipfelwanderweg, der eine Kette von Dreitausendergipfeln miteinander ohne große Höhenunterschiede verbindet und den Blick mal nach der einen und mal nach der anderen Seite der Berge freigibt. Bei klarster Sicht genossen er und sein Freund Diego diese Wanderung mit einer Hüttenübernachtung.
An einem kleinen Gipfel machte er Gesangsübungen, weil er den anderen Wanderern eine Dreiviertelstunde voraus war. Das Echo kam gleich drei- und vierfach wieder. Und die anderen hörten die italienischen Arien in guter Qualität auf die große Entfernung!
Bald wieder in Leinach, brachte Wolfgang die Rampe auf der Treppe weiter auf Vordermann. Sie war am 2. August mit Günter Rosenberg gezimmert worden aus 4 cm dicken Bohlen, um die unregelmäßige Treppe zu überspannen und einen gleichmäßigen Transport zu gewährleisten.
Auch die Ecke des Gartenweges wurde abgerundet und der Querweg horizontal überbaut. Damit konnte meine Fahrt ungefährlich ausfallen. Nun schraubte Wolfgang noch einige Querleisten aus Metall an, die ein Abrutschen bei feuchter Witterung verhindern sollten. Auch die Holzplattform wurde noch vollends festgeschraubt und die Verlängerung der Türen nach oben fertiggestellt. Jetzt war der Transportweg von A - Z durchgestaltet, und es konnte alles leichter und zügiger vonstatten gehen.
Am 25. September exerzierten wir dies gleich mit großem Elan durch und gastierten im Juliusspital-Pavillon für ein Konzert-Menü mit den Außendienstmitarbeitern des Vogel-Verlages aus Würzburg. Sie waren ganz begeistert und der Organisator, Herr Meier, schrieb einen netten Dankesbrief, den Wolfgang in seine Prospektmappe hineinnahm.
Die Sekretärin des Weingutes, Frau Baumann hörte mich ein paar Takte lang und sagte sofort zu Wolfgang, daß ich viel weicher und gesanglicher klang als mein kleiner 200 cm langer Bruder, der in dem Saal dauernd steht.
Auf ihm hatte Wolfgang einmal eine schlechte Kritik bekommen, da er angeblich alles zu laut gespielt hätte. Das war teilweise wahr, denn mein kleiner Bruder ist etwas schwergängiger und zäher in der Mechanik, steht er doch auch im Winter dort im Pavillon bei 15 ° Celsius Temperatur und wird klamm im Gebälk. Dadurch sieht sich der Pianist etwas genötigt, für einen tragenden Ton zu "forcieren".