
In den darauffolgenden Tagen übte Wolfgang öfters Gesang und forderte von mir nur wenige Töne, die ihm die richtige Tonhöhe angeben sollten für die Vokalisen. Warum das? Am 1. Oktober sang er dem Chorleiter des Würzburger Stadttheaters vor und wurde angenommen. Die erste Produktion sollte der Tannhäuser von Richard Wagner sein. Die wöchentlichen Proben des Extrachores begannen bald, obwohl die Premiere erst am 20. März 1993 sein sollte.
Anfang Oktober ging Wolfgang für eine Woche auf Reisen. Er spielte auf einem alten Petrof-Konzertflügel in einer unterirdischen Vulkangrotte, die als Konzertsaal ausgebaut war. Der Seniorentouristikunternehmer aus Travemünde, Manfred Pahl, mit dem Wolfgang wie berichtet auf der Berliner Touristikmesse war, hatte mit einer Reisegruppe und zusätzlichem Freiverkauf dieses Konzert auf der kanarischen Insel Lanzarote organisiert. Wolfgang brachte mir ein Poster mit, das ich lange ansehen konnte, und das den zauberhaften Saal zeigte.
Fotos: Inselregierung Lanzarote
Die Maynes
Am 12. Oktober kam eine wirklich nette Familie zu Besuch: Denis und Monika Mayne mit Kindern. Denis war von Wolfgang einmal in der Würzburger Fußgängerzone entdeckt worden, wo er mit einem auf Rollen montierten Klavier spielte. Er hatte es von oben bis unten mit decofix-Ziegelsteinmuster beklebt und seitlich einen Gas-Heizstrahler befestigt, der ihn wetterunabhängiger machte.
Die beiden hatten sich befreundet; Denis bekam einen ausrangierten Frack zur Verbesserung seiner Show. Und jetzt kamen sie endlich nach Leinach, probierten mich aus, freuten sich über den schönen Klang und die Musik. Bald am Abend mußte Denis´ Familie wieder weiter, denn die Tochter Katharina sollte
frühmorgens in die Schule in Schweinfurt, wo Denis zu spielen gedachte. Sein selbstgebautes Wohnmobil ist unbedingt erwähnenswert! Er hat alte Eisenbahnwaggonholzteile darin verarbeitet, abgeschliffen und frisch lackiert, eine schöne warme Holzverkleidung auf dem Chassis eines alten LKWs.
Die Inneneinrichtung ist sogar für eine Familie mit drei kleinen Kindern ausreichend: An den Enden zwei Hochbetten und in der Mitte die Küche, die Spielwiese, der Empfangsraum, oder wie auch immer; auf jeden Fall irre gemütlich! Ganze neun Monate hat er daran gezimmert, ohne währenddessen arbeiten und Geld verdienen zu können. Nun aber geht es wie geschmiert, denn das Klavier hat ein eigenes straßennahes Abteil und wird über eine Schiene einfach heruntergerollt. So leicht ist das!
Brautmoden
Mitte Oktober durfte ich auch einmal in das andere große Hotel in Würzburg, das Dorint-Hotel. Eine Modenschau stand an vom Braut- und Abendmodengeschäft Obitz. Es musizierten der GMD Jonathan Seers und Musiker des Stadttheaters, insbesondere die Sopranistin Veronika Diefenbacher.
Sie sah in ihrem roten Kleid himmlisch aus und schmückte die gepflegte Umgebungnicht nur durch ihre wunderbare lyrische Stimme. Von unserer Abfahrt am Hotel um Mitternacht bis zu den ersten Tönen, die Wolfgang auf mir spielte, vergingen nur ganze 60 Minuten, so zügig ging alles mit der neuen Rampe und der offenen Türe in Leinach.
Hier kamen jetzt einige Proben auf mich zu. Heidrun Plesch, Sopran und Joseph Muhr, Klarinette und Jaqueline Dekker, die wir vom Rosengartenpavillon her kennen, bereiteten sich auf das große Konzert für IBM im Residenzschloß Bad Urach vor. Dabei monierten die Musiker zu Recht, daß keine Notenständer da waren.
Bei der nächsten Probe hatte Wolfgang dann schnell zwei Orchesterpulte mit schwerer Qualität besorgt, und die Künstler konnten optimal arbeiten. Meine Ankunft im Schloß war vormittags und es klappte alles gut. Nachmittags kam der Stimmer extra aus Tübingen nach Bad Urach und pflegte mich. Dann durften wir die Ohren der gepflegten Herrschaften kitzeln und sie gingen beglückt hinüber ins Hotel zum Menü.
Als bleibendes Erinnerungsgeschenk bekamen sie noch eine CD oder MC mit der Bösendorfer-Computer- flügelaufnahme geschenkt. Der ganze Abend war so perfekt organisiert, mitsamt Sicherheits- bewachung, daß man gar nichts merkte und trotzdem alles funktionierte...
Bei meinem Partner ist eine Schraube locker...
Pianoplan erzählte mir von einem anstrengenden Transport, den er Anfang November machen mußte. Ein Flügel, der etwa gleich groß wie ich ist, wurde von der dritten Etage der großen Festung Marienberg heruntergeholt. Da der Fahrstuhl kaputt war, mußte die Treppe gefahren werden. Sie war zum Glück groß und stabil genug, aber die Asterei dauerte eine ganze halbe Stunde, bis er unten war. Von dort ging es in das Stadtteilzentrum Grombühl.
Ein Kreisrunder Treppenabsatz ließ pianoplan so vorne daranstoßen, daß es ein merkwürdiges Geräusch gab und die Verschiebung der Plattform nicht mehr funktionierte. Gott sei Dank war die Plattform in einer praktikablen Mittelstellung, so daß mit manueller Unterstützung der Flügel noch die Bühnenrampe hinaufgefahren werden konnte!
Erst etliche Tage später kam Wolfgang dazu, den Schaden in Italien wieder reparieren zu lassen. Es stellte sich heraus, daß nur eine kleine Schraube innen in den Elektromotor gefallen war. Und dafür solch einen Aufwand.
Pianoplan machte auch eine weitere Demonstration mit anderen Flügeln. Er fuhr die Holztreppen der Greysingsäle hinauf mit zwei Flügeln nacheinander. Der Spediteur war glücklich über die Erleichterung, die zwei Etagen nicht mit Muskelkraft überwinden zu müssen.
Bald danach kaufte er sich auch einen pianoplan. Warum müssen die Spediteure erst so lange zögern, um eine so vernünftige Kaufentscheidung zu fällen? Wer einmal erlebt hat, wie die Wirbelsäule eines Trägers knackst, wenn er einen Flügel trägt, und wer dann weiß, daß die Maschine in fast allen Fällen sinnvoll einsetzbar ist, der hat keinen Grund mehr, seine Mitarbeiter gesundheitlich zu belasten, wo die Maschine die Kraftarbeit machen kann.
Im Gegenteil bewirkt das "High-Tech-Image" seiner Klaviere transportierenden Spedition, daß sie mehr Aufträge bekommt, die sie mit gleichem Personal bewältigen kann, das zudem noch motivierter ist und keine Angst vor Entlassung haben muß.
Der fünfte Kurs
Anfang Dezember fand schon wieder ein Ärzte-Klavierkurs statt, der fünfte. Beim Einladen brach plötzlich eine Flügelmutter des Beines ab, Wolfgang konnte es nicht mehr entfernen. Er war unter Zeitdruck, schaffte es aber, den Schraubenrest schnell aufzubohren und später in der Stadt eine Ersatzschraube zu besorgen.
Erst war noch der Umtransport eines Flügels innerhalb des Theaters auf der Terminliste, dann bekam ich noch einen Mitreisenden, einen kleinen nußbaumfurnierten Yamahaflügel, und wir fuhren nach Aub. Der Kleine kam neben den Weinkeller unter dem großen Saal, wo man auch rund um die Uhr üben konnte.
Ich durfte wieder in den Speiseraum, wo ich mich schon sehr wohl fühlte. Mit uns fuhr auch noch ab dem Würzburger Bahnhof eine Ärztin in mittleren Jahren, die total bei Null anfing und mit ihren rasanten Fortschritten innerhalb von drei Tagen die Kollegen begeisterte.
Sie lernte drei ganze Stücke von Diabelli vierhändig aus dem zweiten Heft und trug sie am letzten Tag so brillant und musikalisch vor, daß der Saal vom Applaus wackelte. Tragischerweise erfuhr sie nach dem Kurs, daß sich währenddessen ihre 23-jährige Tochter in Hamburg einer schweren Operation unterziehen mußte mit wenig Aussicht auf Heilung.
Eine Kollegin brachte ihre Bratsche mit. Endlich ein bißchen Kammermusik mit anderen Instrumenten bei den Kursen. Noch ein anderer Teilnehmer war ein richtiger Virtuose, spielte die schwierigsten Sachen und erzählte, daß er auch internationale Orgelkonzerte gab. Mannomann, was die Ärzte so alles treiben in ihrer Freizeit! -
Der Flop
So, jetzt kommt eine Geschichte, die ich sehr ungern erzähle. Als Wolfgang und ich im Pausenhof des Wirtschaftsgymnasiums in Bayreuth das Haydn-Klavierkonzert mit Orchester so schmissig aufgeführt haben, hörte uns eine verantwortliche Person des Konservatoriums in Bratislava (Preßburg) nahe bei Wien.
Wir kamen überein, daß wir Anfang Dezember eine einwöchige Produktion eines Symphoniekonzertes mit dem Orchester des Konservatoriums machen würden, eingeleitet von einem Klavierabend und ausgeleitet vom Abschlußkonzert der Teilnehmer des parallelgeschalteten Klavierkurses.
Als Honorar konnte man tschechisches Geld wegen des "Währungsgefälles" nicht ins Gewicht bringen. Also wären Wolfgang die Rechte an der Tonbandaufnahme zugekommen, die als CD vermarktet hätte werden können. Sie haben schon verstanden, daß es nicht geklappt hat.
Auf der Hinfahrt hat Wolfgang zum zweiten Mal riskiert, daß ich mit Transporter an der Grenze zur CSSR hätte beschlagnahmt werden können wegen meiner Elfenbeintasten. Nach den ersten Noten des Klavier-Solo-Abends im Konservatorium merkten wir schon gleich, daß wir gegen eine eisige Wand spielten.
Anschließend wurde ein "netter" Empfang im Zimmer des Direktors gegeben, der zudem abwesend war. Dann wurde uns eröffnet, daß wir unverrichteterdinge wieder nach Hause fahren könnten, weil den Herren Professoren der Stil des Klavierspiels mißfiel. Wie ich dann von der immer noch netten Bezugsperson erfuhr, herrschte dort eine strenge, metronomische Schule, die auf keinen Fall durch musikalische Freiheiten, wie wir sie uns halt einmal zu nehmen gewohnt sind mit unserer westlichen Anschauung, aus dem rigiden Lot gebracht werden dürften.
Was hätte es den Studenten schon "geschadet", wenn sie eine Woche lang einmal etwas anderes gehört hätten, als nur Metronomticken? Es war, wie wenn ost-/westliche Mentalität als zwei Fronten aufeinanderprallten. Oder ein viel schöneres Bild: Wie am Ende des ersten Aktes der Meistersinger von Wagner: Walther singt den Meistern vor und sie schmeißen ihn raus. Später gewinnt er aber doch den Preis.
Geld hat die fünftägige Reise ebensowenig gebracht wie ein verwertbares Tonband. aber Eindrücke von den ärmlichen Verhältnissen in einem Ostblockland, sowohl äußerlich, als auch von der Mentalität mancher Menschen her. Und einen Verlust von eineinhalbtausend Mark.
Klavier-Karussell
Nach diesem Schrecken konnte Wolfgang schließlich den kleinen Flügel aus Aub abholen, um ihn wieder ins Geschäft zu bringen, denn er war knapp seinem Verkauf entgangen; eine Kollegin wollte ihn kaufen, aber ihr Familienrat zu Hause war dann doch dagegen.
Also hatte er spontan eine neue Idee: Er sprach mit einem befreundeten Rechtsanwalt, von dem er wußte, daß wenn, dann nur ein Nußbaumflügel in Frage kam. Er bot ihm also an, den Flügel kostenlos und unverbindlich zur Ansicht ins Wohnzimmer zu stellen. Der Freund winkte am Telefon ab.
Doch kurz nach seiner Mittagspause rief er wieder an, daß die Frau das doch gerne einmal "gesehen" hätte. Und so fuhr der kleine Flügel mit pianoplan nach Schwaigern und er zeigte sich im besten Lichte, wurde von allen Seiten begutachtet, gespielt und für gut befunden und letztendlich verkauft! Das alte Klavier der Familie konnte gleich zu Freunden nach Schweinfurt gebracht werden: Welch ein Service!