Würzburg!

Würzburgs schönste Orte

Am 5.  Januar des neuen Jahres 1993 bekam ich die ehrenvolle Gelegenheit, erstmals im großen Sitzungssaal des Würzburger Rathauses zu spielen. Eine Sängerin des Stadttheaters, Richetta Manager, gab, begleitet vom GMD Jonathan Seers, einen Liederabend.

Die große Treppe des Rathauses war zwar übersichtlich, doch die Stufenkanten bedenklich abgerundet, von den vielen Schritten abgewetzt. Es schneite etwas draußen, und die Raupen mußten vor der Treppe extra geföhnt werden, sonst wäre der "Haftreibungskoeffizient" zwischen dem feuchten Gummi und Stein zu niedrig geworden, d.h. die Mobile Einheit wäre die Treppe hinuntergekullert. Aber es hat alles geklappt.

Die Kante des Holzpodestes war dekorativ abgedeckt mit einer Leiste, die beinahe beim Aufsitzen und Überkippen gebrochen wäre. Wolfgang konnte sie zum Glück mit dem Fuß wieder in die richtige Position kicken. Die Gelegenheit eines so repräsentativen Standortes nutzte er gleich, um ein paar Fotos zu machen, die er eventuell verwerten konnte.

Vom Rathaus wurde ich gleich in den Schönbornsaal der Festung Marienberg gebracht und durfte ein Kammermusikensemble begleiten: Amerikanische Musiker, die von den Freunden mainfränkischer Kunst eingeladen worden waren. Beim Abbauen waren wir wieder so schnell, daß Wolfgang noch vor den Künstlern, die noch einmal

zum Umziehen in ihr Hotel gegangen waren, in dem vorgesehenen Restaurant unten in der Stadt ankam. Ich blieb gleich auf dem Transporter geladen, als Wolfgang eine junge Dame in Pforzheim besuchte, mit mir im Handgepäck. Auf die Weise bin ich in den Genuß einer reinen Spazierfahrt ohne Konzertverpflichtung gekommen!

Mitte Januar fand der sehr schwach besetzte 6.Ärzteklavierkurs in Würzburg statt. Es kamen nur drei Teilnehmer, die in Würzburg untergebracht waren und an verschiedenen Orten üben konnten und Unterricht bekamen, mit einem organisatorischen Jonglieren von Räumen und Flügeln. Einige Stunden waren sie bei mir in Leinach und konnten sich wegen der kleinen Besetzung intensiv austauschen. Eine Studienfreundin von Wolfgang war sogar aus Hamburg gekommen und entdeckte, daß sie am Klavier noch etwas lernen konnte.

PKW

Noch ein anderer Kontakt aus Wolfgangs Studienzeit hatte sich nach ca. 15 langen Jahren Pause wieder eingefunden.

Petra Kristin Wolf (nett gemeinter Spitzname: PKW), eine Mezzosopranistin und fertige Zahnmedizinerin, hatte in Hamburg in einem Café einen Bekannten von Wolfgang getroffen, und die beiden fanden heraus, daß sie ihn gemeinsam kannten. So kam die Adresse wieder nach Würzburg, und am 1.  Februar kam sie nach Leinach zu Besuch, jedoch ohne viel zu proben. Lesen Sie ihren Lebenslauf.

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Der "Mohr"

Zwei Wochen später fand schon wieder ein Kurs statt, der achte, und zwar wieder in Aub. Diesmal brachte Wolfgang einen alten gebrauchten Flügel unbekannter Marke mit, um ihn eventuell zu verkaufen. Diese "Uraltmodelle" haben noch Beine, die mit einem groben Holzgewinde am Flügelkörper eingedreht werden, anstatt wie bei den modernen Flügeln einen Metallbeschlag, der einfach eingerastet und mit einer Flügelmutter ruck-zuck fixiert wird.

Beim Aufstellen in dem Kellerraum brach der Zapfen mit Holzgewinde von dem einen Bein ab. Der schnell herbeigeholte Tischler konnte ihn reparieren, so daß nichts mehr passierte, natürlich wurde er auch nicht verkauft, weil einige Teilnehmer die Materialschwäche mitbekommen hatten.

Ein schwarzer Kinderarzt, Robert, war auch dabei, er nahm sich humorvoll selber auf die Schippe. Als er das erste Mal vorspielte beschloß er mit dem Satz: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan!" und alle lachten. Er spielte phantastisch, so schwere Stücke wie Etüden von Moskowski und vieles mehr. Wenn ich ein Menschenkind wäre, würde ich mich liebend gerne bei diesem charmanten Kinderarzt behandeln lassen!

Wieder eine Kollegin, eine jüngere, die kurz vor der Eröffnung einer eigenen Praxis stand, kam aus dem Osten und fand großen Gefallen an der Athmosphäre des Kurses. Die Wiederholerquote bei den Kursen stieg insgesamt so stark, daß sich ein paar Mal gleich der halbe Kurs für einen Folgetermin anmeldete.

Mondenschein und Sternenlicht

Am 6.  März lernte ich oben auf der riesigen Festung Marienberg wieder einmal einen neuen Saal kennen, die Scherenbergstuben, ein Teil der Hofstuben, die Kongresse ausrichten können. Es tagte ein medizinischer Kongreß und wollte nur einen Flügel mieten, der von einem jungen Pianisten bespielt werden sollte.

Doch Wolfgang dachte, er ist ja sowieso da und könnte auch gleich zum Kennenlernen den Kongreßveranstaltern etwas vorspielen. Unmittelbar am Ende des Abends wurde ich dann vor den Augen der letzten Besucher, unter denen natürlich auch der Veranstalter war, aufgeladen, und er staunte. Hoffentlich führt es zu einer Buchung für eine der nächsten Veranstaltungen...

Wieder fuhr ich wie schon oft nachts bei Mondenschein und Sternenlicht die Gartentreppenrampe hinunter. Es ist einfach herrlich, vor solch einer Kulisse nach Hause zu kommen. In den Genuß kommt ein mit Spedition transportierter Flügel nicht so leicht!

Valldemossa

Dann kam der große Augenblick: Wir starteten nach Mallorca! Auch als Flügel möchte man gerne einmal in die südlicheren Gefilde. Ich bin schließlich aus Holz und freue mich über gutes Klima. Der gleiche Seniorentouristik- Veranstalter, Manfred Pahl, der das Konzert auf Lanzarote ohne mich organisiert hatte, war nun in Mallorca am Werk.

Wir sollten in Valldemossa, an dem Ort, wo Chopin mit George Sand weilte und viele zeitlose Kompositionen schuf, einen Chopin-Abend bieten. Die Fabrik Bösendorfer aus Wien hatte verstanden, daß es interessant sein könnte, hier einmal einen Bösendorferflügel zum Klingen zu bringen, denn bisher stand hier in anderes Fabrikat.

So bezahlten sie die teure Fähre von Barcelona nach Palma. 14 Stunden dauerte die Fahrt nach Barcelona. Wolfgang hatte am Abend zuvor die Premiere des Tannhäuser mitgesungen und war mit Fieber und total schlaff ein paar Stunden ins Bett gegangen.

An der Grenze der Kräfte mit gelegentlichen Schlummerpausen wollten wir unbedingt den wichtigen Termin einhalten, ohne etwa abzusagen. Mit zunehmender Südlage besserte sich der Zustand des Fahrers und wir kamen wohlbehalten in Blanes, kurz vor Barcelona an und übernachteten vor der Eingangstüre des von einem Privatmann gestifteten berühmten botanischen Gartens.

Diesen besichtigte Wolfgang am nächsten Morgen (ohne mich), bevor wir auf die Fähre nach Barcelona enterten. Acht Stunden Überfahrt bei ruhiger See. Am Hafen von Palma wurden wir gleich von dem Bösendorfer-Konzerttechniker Marcello abgeholt und auf freundlichste Weise an interessante Orte geführt. Er begleitete uns auch nach Valldemossa und half beim Transport. Die kniffligste Aufgabe für Wolfgang, die er je mit mir gelöst hat, wartete auf uns beim Eingangstor zum "Palacio del Rey Sancho": Die alte Tür war zu niedrig,

aber unmittelbar danach folgte eine Treppe, also mußte ich auf pianoplan da durch. einen Meter nach der Treppe kam ein Springbrunnen, der umgangen werden mußte. So stand Wolfgang wieder eine ganze Zeit lang vor diesem Ort und reflektierte, wie sich diese Situation lösen könnte. Dann legte er seine beiden Holzklötze an eine Stelle, die stabilere Rampe darauf, dann die kleinere Rampe seitlich davon weg.

Ich mußte also auf den "Zehenspitzen" von pianoplan, mit der hohen Stelle schief unter dem Tor durchfahren, mich dann aufrichten, fast schon am Ende der Rampe, etwas in seitlicher Schräglage um 90° drehen, um dann die sehr dünne Rampe in den Hof abzufahren. Mit Hilfe von Stützhelfern an der Seite gelang dies gewagte Unterfangen. Die steile Bühnenpodesttreppe war nur noch ein Klacks dagegen.

Am Nachmittag hatte Wolfgang keine Zeit mehr zum Üben, denn mehrere junge Pianistenkollegen spielen dort immer kurze Konzerte mit Chopins Stücken für die Touristen. So kam er schlecht vorbereitet in das Konzert und machte - zumal mit einem frisch einstudiertem Programm etliche Flüchtigkeitsfehler.

Aber das Publikum war so nett, daß alle die Musik genossen, anstatt nur auf die schallplattenmäßige Perfektion zu achten. Man ging als Teil des Gesamtarrangements anschließend noch gemeinsam in ein Hotel, die Freude an der Musik war das Wichtigste. In dem Hotel spielte Wolfgang noch einige Zugaben.

Trotz des geringen finanziellen Erfolges der Unternehmung war es eine einzigartige Erfahrung, an einem so bedeutungsvollen Ort ein Chopin-Programm aufführen zu dürfen.

Am Freitag den 26. März kamen wir exakt zwei Minuten vor Beginn der zweiten Tannhäuservorstellung beim Theater an. Da der Auftritt des Männerchores später erfolgt, war noch genug Zeit zum Umziehen und Schminken.

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