Musiktherapie

Musiktherapie

Doch das war nicht alles. Wenige Stunden Schlaf waren Wolfgang vergönnt, denn am nächsten Morgen war in Frankfurt ein ganztägiger Ärztekongreß, an dem wir öfters eingestreut ins Programm zur Auflockerung Chopin spielten. Eine besondere Darbietung gab es dabei allerdings. Aus Hamburg war eine Musiktherapeutin als Referentin gekommen. Sie gestaltete, von Wolfgang und mir begleitet, eine freie vokale musiktherapeutische Improvisation. Das Experiment gelang, niemand konnte vorher wissen, was dabei herauskam. Wieder zu Hause, fiel Wolfgang nur noch ins Bett!

Der zweite Um-Fall

Am 8.April war Wolfgang etwas nervös beim Einladen und drehte so ungeschickt auf der Rampe, daß sie sich seitlich neigte und mit mir, auf pianoplan festgeschnallt seitlich auf die Gartenmauer mit einem lauten Knall umkippte. Oh, welch ein stechender Schmerz!

Meine seitliche Zarge ist aufgerissen, das Holz mit dem Polyesterlack klafft wenige Zentimeter weg. Im Erste Hilfe-Kurs würde man meine Position "Stabile Seitenlage" nennen, denn alleine konnte Wolfgang mich nicht mehr aufrichten. Er rief schnell seinen Freund Wolf in Leinach an, und

der kam auch gerade noch rechtzeitig, daß ich nicht von dem einsetzenden Nieselregen naß wurde.

Braunlage

Das Konzert in Braunlage war nicht gefährdet, obwohl ich eine aus der Entfernung kaum sichtbare Schramme abbekommen hatte.

Zu diesem Engagement war Wolfgang durch eine ungewöhnliche Ereigniskette gekommen. Nachdem er aus Mailand wieder nach Würzburg kam, suchte er erst einmal jede Art von Jobs. So kam er zum Abteilungsleiter für "Food & Beverage" im Würzburger Maritim-Hotel, Herrn Martin Aures. Letzterer war zwischenzeitlich Direktor in Braunlage geworden und der Kontakt war halt gepflegt worden.

Dort gab es schon wieder ein Transportproblem. Die Außentreppe zur Balkonterasse des großen Saales war in ihrem unteren Absatz ins Erdreich mindestens zehn Zentimeter abgesackt. Dadurch war die oberste Stufe des Absatzes zu hoch, um in machbarer Steiglage hochfahren zu können. Also mußten Techniker des Hotels mit zwei Bohlen kommen, und wir mußten in mehreren Anläufen über die Bohlen wackelig auf den ersten Treppenabsatz balancieren. Der Rücktransport sollte dann über eine stabile Marmortreppe stattfinden vor dem Saal, aber halt! Oben wurde der Lichtraum von der Decke zu niedrig begrenzt. Schon wieder so ein Architekt zum Auf-den-Mond-Schießen!

Glücklicherweise hat er ausnahmsweise die andere Treppe in der Haupthalle hoch genug überdacht, auch wenn wir einen langen Weg durch das Restaurant mit Raupe über den mühevollen Teppichboden fahren mußten. Der Rollwiderstand von Teppichen ist so hoch, daß pianoplan nicht in der "Anhebung" auf den Rollen schneller dahingleiten kann. Die Raupenbewegung ist dagegen halt so langsam, wie man auf der Treppe fährt...

In diesem Hotel war auch ein Liederabend aufgeführt worden, von dem im Original-Buch ein Titel hier zu hören war.

Im Hotel war gerade ein ehemaliger Klassenkamerad von Wolfgang zu Besuch, ein freudiges Wiedersehen nach 20 Jahren war zu feiern. Das war der fast tägliche Beweis, das die Welt "ein Kuhdorf ist".

Ute

Die ganze letzte Zeit vernachlässigte mich Wolfgang ganz schön. Gemein, kaum noch zu üben und mich sogar auf die Gartenmauer zu schmeißen. Das mußte doch seinen Grund haben! Letzterer stellte sich am 16. April heraus, als Wolfgang die Ute im Würzburger Standesamt heiratete!

Herzlichen Tuschwunsch von Bösi Bösendorfer!

Schon kurz nach der Hochzeit flog Wolfgang wieder alleine nach Lanzarote für das zweite Konzert in der unterirdischen Vulkangrotte. Es war wieder ein Erfolg und er konnte vorzeitig mit einem Standby-Flug zu Ute heimkehren.

Bei der Hochzeitsfeier brachte Denis Mayne, dessen Familie ich vorher erwähnt habe, mit seinem Besuch und seinen Darbietungen die Gesellschaft erst richtig in Stimmung! Besonders riskant war es, als er mit drei metallenen Beilen direkt über der am Boden liegenden Ute jonglierte.... Dies bemeisterte er aber genauso, wie er am Anfang seiner Nummer innert Minuten den ganzen Saal zum Tanzen gebracht hatte!

Freundschaftspreis

Noch eine Gewalttour kam für pianoplan und Wolfgang: Nach Österreich. Für die Sopranistin Evelyn Holzschuh holte Wolfgang einen kleinen Yamaha-Flügel aus der Grazer Gegend, um ihr einen günstigen Transportpreis machen zu können. Das Einladen klappt, die Verzollung, aber bei der Anlieferung stellt sich heraus, daß das Treppenhaus des Neubaus zu niedrig ist, um mit pianoplan hochzufahren. Also muß der Flügel unten im Flur abgestellt werden, bis eine Spedition ihn mit Muskelkraft in die vierte Etage hinaufträgt. Da war die Ersparnis hin!

Flatter-Flitter

Über die kurze Flitterreise mit Ute erzählte mir Wolfgang. Von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr fuhren sie nach Kriens bei Luzern zum Pianohaus Soller. Da bis zum Klavierabend noch Zeit war, nahmen sie die Seilbahn hinauf zum über 2000 Meter hohen Pilatus und genossen eine Stunde den Ausblick. Das Konzert fand auf einem großen Bruder von mir statt, einem 275 cm Bösendorfer. Am nächsten Morgen um 9 Uhr waren die beiden schon wieder in Leinach. Streß!

Kunstvolle Maßarbeit

Dann brachte mich Wolfgang in die Städtische Galerie Würzburg. Auf dem ersten Treppenabsatz steht ein Kunstwerk in der Ecke. Wir steuerten zentimetergenau daran vorbei, ohne es verschieben zu müssen. Der Treppenabsatz war so knapp, daß nicht einmal ein Zentimeter zur Wand frei war, sondern nur Millimeter.

Streichel-Ensemble

Am Sonntag des Konzertes zu einer Vernissage war Wolfgang gar nicht da, denn kurzfristig hat sich ergeben, daß er die Freunde des Eppendorfer Streicherensembles in Hamburg wiedersehen konnte. Denn deren Konzertmeister feierte seinen vierzigsten Geburtstag.

Seine Frau telefonierte ohne sein Wissen die meisten Musiker des Ensembles zusammen. Wolfgang besorgte ihnen mit Hilfe von Sabine, der Frau von Lutz, in Hamburg einen Flügel. Dann kamen die Musiker schon während der Feier völlig überraschend für Lutz um die Ecke.

Als ihm noch der Unterkiefer heruntergeklappt war, kam im nächsten Moment der Flügel auf pianoplan um die Ecke, so daß Lutz komplett baff war.

Nach dem Aufbau des Flügels spielte und dirigierte Wolfgang mit dem Eppendorfer Streicherensemble das D-dur-Klavierkonzert von Haydn, das er noch von Bratislava einstudiert hatte. Das Orchester spielte es so gut vom Blatt, daß ein Laie dies kaum bemerkt hätte!

Es hatte sich während des Medizinstudiums formiert, halb aus Medizinern, halb aus Musikwissenschaftlern und Musikern bestehend. Durch ausgedehnte Probenwochenenden in angemieteten Heidehäusern bildete sich eine richtige Freundschaft zwischen den Mitgliedern. 

Weil einmal eine Sauna besucht wurde, die etwas eng für alle war, nannten sie sich scherzeshalber "Eppendorfer Streichelensemble"! Der Flügel, auf dem das Konzert gespielt wurde, kam am selben Abend noch in das Wohnzimmer des Konzertmeisters, der darob völlig aus dem Häuschen war.

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