Residenz

Würzburger Residenz

Wegen eines dicht folgenden Termins in der Würzburger Residenz lud mich Wolfgang nach der Abholung von der Galerie gar nicht erst ab, sondern stellte mich im Transporter in den benachbarten schattigen Wald. Da war eine klare Luft, die richtig gut tat.

In der Residenz spielte Christoph Wünsch auf mir eine Mischung aus Jazz und Klassik im Gartensaal, während Wolfgang auf dem städtischen Flügel oben im weißen Saal ein Konzertmenü gestaltete, das mit stehenden Ovationen bedacht wurde. So bekam der Kongreß der ESACT (Europäische Gesellschaft für Zelltechnologie) einen glänzenden Abschluß.

WAM

Meine Arbeitsphase setzte sich am nächsten Tag gleich fort. Ich kam mal wieder in den Pavillon des Juliusspitals. Vier Abende spielten Thomas Goldschmidt und Norman Shetler alle Violinsonaten von Wolfgang Amadeus Mozart (WAM) im Rahmen der Kulturtage des Weingutes, und es wurde ein Mitschnitt mit Kunstkopfmikrophon für eine geplante CompactDisc vorgenommen.  Sie heißt "Die Kunst des Ausgleichs", was sich vielsinnig auf die Balance zwischen Geige und Klavier bezieht un auch auf Mozarts Kunst, der Komposition den "Goldenen Schnitt" zu verleihen.

Hören Sie das Titelstück der CD
den langsamen Satz der Mozartschen Violinsonate in D-dur KV 306.
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Zwischendurch brachte Wolfgang noch den Flügel vom Musikzimmer des GMD ins Spitäle, einen Ausstellungsraum des Verbandes der Künstler Unterfrankens (VKU) an der Alten Mainbrücke. Seine Notiz im Kalender, als er den Flügel zurückbrachte war: Flügel im Theater abgegeben. Mit pianoplan ist das erstaunlicherweise eine so einfache Sache, daß man einen Flügel so mir nichts dir nichts "abgeben" kann.

 

Verjüngungs-Kurs

Ich blieb im Pavillon des Julius-Spitals stehen, bis mich Wolfgang für den mittlerweile 9. Ärzteklavierkurs abholte. Es waren drei Wiederholer bei den 10 Teilnehmern.

Der Betriebsarzt von Porsche fing bei Null an und fand Gefallen an dem neuen Hobby wegen seiner schnellen porschemäßigen Fortschritte. Mindestens ein "schwarzes Schaf" muß dabeisein, eine Nicht-Ärztin und Nur-Hausfrau, die von den Kursen bei dem Einweihungskonzert für den Nußbaumflügel beim Schwaigerner Rechtsanwalt, ihrem Bruder, erfahren hatte und sehr gut auf ihrem Flügel pianiert, außerdem auch Altblockflöte spielt.

Ein echter Senior war wie schon einmal einer bei einem vorigen Kurs dabei. Er zählte 80 Jahre, zeigte ein konzentriertes und konsequentes Üben und bewies, daß Musik als Verjüngungskur ausgezeichnet wirkt. Er hat von seinen Enkelkindern den Kursus geschenkt bekommen, die wiederum beim Pavillon davon erfahren hatten. So sieht man, wie die Empfehlungen ihre Kreise ziehen. Flüsterpropaganda ist halt einfach die beste Werbung!

Erfreulich war der Durchbruch eines Nervenarztes aus München. Im zweiten Kurs fiel es wie Schuppen von seinen Augen, die Koordination rückte sich zurecht, und er gewann ein flüssiges Spiel bei voll bewußter Kontrolle.

Ein anderer Kollege war jahrelang autodidaktisch am Klavier gesessen, hatte sich einen sehr hohen technischen Standard angeeignet, so daß die professionellen Anregungen ihm regelrecht Erleuchtungen brachten. Seine gründliche Erarbeitung des Notentextes vom Frühlingsrauschen des Norwegers Christian Sinding brachte ihn dazu, höchst spezifische Fragen zum Fingersatz zu stellen, wie sie Wolfgang nie zuvor gestellt bekommen hatte.

Bei diesem Kurs war Wolfgang allerdings stark im Streß, denn eine Nacht des Kursmarathons hat er durchmachen müssen, um seine junge Frau wegen einer akuten Infektionserkrankung ins Krankenhaus zu bringen. Mit aus diesem Grunde ließ er mich einige Tage aufgeladen.

Schloßplatz

Am Montag, den 7.  Juni machte er einen spontanen Auftritt mit mir auf dem Stuttgarter Schloßplatz im Rahmen der Straßenmusikregelung, die musizieren von der vollen bis zur halben Stunde an bestimmten Punkten erlaubt; hier beim Fahnenrondell. Das war gewissermaßen ein Geschenk von mehreren Tausend Mark an Stuttgart. Umso erfreulicher war somit die Begrüßung durch eine nahegelegenen Geschäftsinhaberin, die recht unfreundlich darauf hinwies, daß man ja keine Minute außerhalb der

Regelung spielen sollte. Zur gleichen Zeit fand auf der Mövenpickterasse eine Pressekonferenz von adidas statt, und die meisten Reporter kamen und fotografierten uns. Später hörten wir von etlichen Zeitungen, daß ein Foto ohne Namensnennung erschienen war.


Foto: Uli Kraufmann, Suttgarter Nachrichten vom 12.06.1993

Mozart-Fest-Action

Am 11.  Juni erzählte mir pianoplan von seiner ersten Bewährungsprobe mit einem 274 cm großen Steinway-Konzertflügel, von Wolfgang alleine transportiert, der von der Musikhochschule in die Neubaukirche gebracht werden sollte.

Tags darauf brachte er das gleiche Flügelmodell von der ersten Etage der Residenz zum selben Ziel. Die Fahrt hinunter durch das große Treppenhaus mit dem größten zusammenhängenden Deckenfresko der Welt (ca. 700 qm) von Tiepolo war die schönste, die er je gemacht hat. Die Treppe hat wenig Steigung und flache Stufen, damit die Damen mit ihren Reifröcken bequemer darüberschweben konnten. So war das Risiko geringer als in Veitshöchheim, den Sandstein, der hier auch stabiler ist und schwarz, zu schädigen.

Der Rücktransport ging auch noch einmal über die große Treppe, aber der Hausmeister und sein Chef wollten kein Risiko eingehen und sahen von einer künftigen pianoplan-Besteigung der Treppe ab. Die Berechtigung dafür bekamen sie, als ich selbst mit pianoplan durch ein Nebentreppenhaus hochfuhr in den Fürstensaal einige Tage später, um dem Pianisten Tsimon Bartò als Übeinstrument zu dienen, und sich die schon einmal reparierte Kante einer Treppenstufe löste.

Hier wie auch für Veitshöchheim ließ die Verwaltung Gott sei Dank Kulanz walten und es kam keine Rechnung.

Nicht jeder Professor macht "Musik"

Nach ein paar Tagen, die ich im schattigen Wald hochkant auf dem Transporter verbringen durfte, wurde ich kurzfristig von heute auf übermorgen für eine Probe mit dem Philharmonischen Orchester im Theaterfoyer eingesetzt.

Ein wohl zu junger Klavierprofessor war mit Beethovens erstem Klavierkonzert engagiert worden zum Mozartfest und brachte keine so besonders reife und ausdrucksstarke Musik auf meine Tasten, obwohl er "gut spielte". Darin war ich mir mit einigen Orchestermusikern einig, die noch bei meinem Abtransport unmittelbar nach der Probe zuschauten.

Der faule Wolfgang ließ mich jetzt schon wieder am Waldrand im Transporter stehen, weil ich in wenigen Tagen wieder auf Tour gehen sollte. Doch er hat sich etwas verplant, als seine Schülerin Huberta zur Stunde extra nach Leinach herausgefahren kam, und ich nicht im Haus zur Verfügung stand...! So mußten die beiden in die Stadt fahren, um bei Huberta die Stunde durchzuführen. Doch dann kam ich doch schnell eines anderen Tages wieder ins Haus.

Die IHK-Dame

Denn für den geplanten nächsten Termin sollte erst mein großer 290 cm langer Bruder aus Lichtenfels abgeholt werden, und außerdem wollte Wolfgang einer Dame von der Industrie- und Handelskammer etwas vorspielen, mit der ein Gespräch zur Planung einer Ausstellungseröffnung anberaumt war. Sie freute sich über meine -pardon: unsere- Töne, und das Gespräch entwickelte sich zu einem phantasievollen Veranstaltungskonzept.

Der Würzburger Maler Georg Rüdinger sollte zusammen mit den Skulpturen von Anders Tinsbo ausstellen: Die Skulpturen für den Raum und der Maler für die Wände! Wir verschoben den Termin extra noch einmal auf den Tag der Generalversammlung der IHK, um die ganzen Firmenbosse mit der Ausstellung anzusprechen.

An dem Tag war die damalige bayerische SPD-Vorsitzende Renate Schmidt als Referentin auf der Generalversammlung, und durch ihre interessanten Ausführungen wurde die Sitzung so lange überzogen, daß die Vernissage schon vorbei war.

Dann spielte Wolfgang ihr auf meinem großen Bruder eine Chopin-Etüde vor und sie genoß es sehr. Vor dem erstaunten Publikum fuhr er dann mit dem 290 cm langen und 570 kg schweren Flügel die zwei Etagen Treppe alleine hinunter! Das Foyer des Ausbildungszentrums war für die Ausstellungseröffnung so voll, wie nie zuvor bei einer Vernissage...

Waldbühne

Die Abholung des großen Bruders aus Lichtenfels am 9.  Juli wurde interessant, da Wolfgang noch nie (das mit der IHK war ja im September 1993) einen Imperial gefahren hatte. Um 5.00 Uhr morgens fuhr er los nach Lichtenfels, um mit dem Schreiner Ali Schreiner, der nicht nur so hieß, sondern auch eine Schreinerei betreibt, erst einmal einen maßgeschneiderten Schlitten für den Imperial zu bauen.

Nach ein paar Stunden war dieser fertig, und die beiden fuhren zur Spedition Kraus  &  Pabst, bei der ich auch abgeholt worden war. Dort montierten sie den Schlitten an den Flügel, indem er mit einem Gabelstapler an den Rasten hochgehoben wurde. Der ganze Flügel schwebte dabei praktisch an einem einzigen Punkt festgehalten.

Der Laderaum des Transporters war aber zu kurz! So mußten sie den Flügel schräg hineinstellen und festzurren. Er kam gleich zur Waldbühne Heppenheim, wo er über ein Zwischenpodest mit Umlegen der Rampe auf die etwa 1,50  m hohe open-air-Bühne gestellt wurde. Als Wolfgang zu mir zurück kam, baute er noch schnell die Trennwand zwischen Fahrerkabine und Laderaum aus, damit der Rücktransport besser gehen konnte.

So stand ich also neben dem Imperial auf der schönen Waldbühne und wir wirkten mit bei einer phantastischen Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff mit Peter Müller-Sybel als Dirigenten. Pianoplan erzählte mir später, daß Wolfgang bei der Abholung des großen Flügels, nachdem ich schon wieder zu Hause war, Ute einfach gebeten hat, vor dem Herunterkippen auf die schräggestellte Rampe, sich unten daraufzustellen um sie gegen Rutschen zu sichern.

Schrecklos stellte sie sich an den unteren Rand der Rampe auf das Zwischenpodest, als der Koloß über ihr in die wackelige Schräglage heruntergelassen wurde: Ein extremer Beweis für Utes Mut!

An der Elbe in Dresden

Mitte Juli ging es nach Dresden: Der ehemalige Würzburger Maritim-Direktor, Herr Hans-Joachim Herrmann hatte Wolfgang in Zusammenarbeit mit den Dresdner Musikfestspielen für ein Canaletto-Innenhof-Konzert engagiert. Ute durfte als Begleitperson mit; drei Tage Vollpension und Honorar; ein nettes Konzert.

Tags zuvor hatten wir einen Pressetermin vorbereitet. Die Fotografen von BILD, Morgenpost und Dresdner Nachrichten kamen und zwei fotografierten Wolfgang und mich auf der Wiese vor dem Hotel mit Panoramablick über die Elbe auf Dresden, der dritte auf der Außentreppe. Das Foto wurde dann so lustig auf der Zeitungsseite angeordnet, daß ich Herrn Justus Frantz fast auf dem Kopf herumfuhr, dessen Bericht überschrieben war: Sind Sie ein "Hans-Dampf in allen Gassen", Herr Frantz?


Dresdener Morgenpost vom 17.07.1993

Das Konzert war dann ganz gut besucht. Da sich das Wetter kritisch zeigte, entschied man aufgrund der totalen Flexibilität der "Mobilen Einheit" erst eine halbe Stunde vor dem Konzert, doch nach draußen zu gehen. Der Hof ist sehr hübsch, jedoch war die auf dem Dach des Hauses dröhnende Klimaanlage nicht mehr abstellbar und beeinträchtigte etwas die Konzentration!

Auf den Rückweg fuhren wir über Leipzig, um in einem der klassischen Plattenbauten ein altes Ost-Klavier von Uta Walter abzuholen, das sie günstig für die Kurse im Schloßhotel Vellberg zur Verfügung gestellt hatte. Dabei mußte pianoplan einen sehr engen Treppenabsatz mit minimalem Platz zur Wand überwinden. Dies ging nur durch Erbauen eines Podestes mit Abfahrrampe und war aufregend genug. Mit dem Klavier an der Seite fuhren wir dann endlich heimwärts.

Koeckert

Am übernächsten Tag kam ich wieder in die Residenz, den Gartensaal. Dort spielte Maria Oeder-Bulitta auf mir und begleitete Rudolf Koeckert, den ersten Geiger des berühmten Koeckert-Quartetts bei einem Violin-Recital. Schööner Violinklang!

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