HANSETRANS

HANSETRANS

Einmal erzählt mir pianoplan, daß er eine außerordentliche Demonstration mit dem großen Bruder gefahren ist: Eine gigantische Spedition bzw. Spediteursverbund namens HANSETRANS in Hamburg ließ sich das Gerät vorführen, natürlich mit dem 570 kg schweren Imperial, um noch mehr Eindruck zu schinden; dafür kam ich ja als Leichtgewicht weniger in Frage.

Wolfgang fuhr morgens um 7.oo Uhr, als die Welt noch in Ordnung war, beim Hauptgebäude von Hansetrans vor, wie es sich für ihn gehört, im Frack, und führte zitternd bei minus 5 Grad den Herren Direktoren eine Treppenfahrt ganz alleine vor, ca. 15 Stufen bis in die Eingangshalle. Dort baute er den Flügel auf und spielte etwas vor.

Da waren Herr Direktor Holger Max Adolff und Mitarbeiter baß erstaunt, daß man mit zarten Virtuosenfingern solch ein schweres Teil bewegen kann, so daß sie gleich ein Gerät kauften (und später noch mehrere!). Sie bewiesen damit, daß sie eine junge und dynamische Firma sind, die mit der Zeit geht; denn etliche andere Speditionen schinden lieber die Wirbelsäule ihrer Mitarbeiter, anstatt sich für 13.000 € ein sinnvolles Entlastungsgerät zu kaufen, das sich in Kürze amortisiert.

Dann das tägliche Einerlei, Schüler, der singende Karl, ein Krankenpfleger, der sich immer mit Volksliedern von Wolfgang und mir begleiten läßt und sogar eine Aufnahme mit ihm produziert hat, Papiere auf dem Deckel, manchmal springt der Kater "Mi" (Kurzform von Mikado) auf mich drauf, hinterläßt ein paar Tapser oder läuft gar über die Tastatur.

Freitag, der 13.

Eigentlich bin ich nicht abergläubisch, halte die 13 eher für eine Glückszahl. Aber am Freitag, den 13. Mai 1994 kommt ein quäkendes Bündel ins Haus, das oftmals in einem Korb auf mich drauf gelegt wird zum Schlafen! Bin ich denn jetzt ein Babysitter geworden, oder wie? - Na ja, allmählich gewöhne ich mich daran und bin sogar dankbar, eine solch wichtige Aufgabe mit übernehmen zu dürfen.

Alles dreht sich um das neue Baby, Christa-Maria wird kräftig gestillt und es müssen immer alle schön still sein, wenn sie schläft. Also habe ich wieder weniger zu tun. Den Löwenanteil der Arbeit macht sowieso jetzt der 8955, er geht in originelle Veranstaltungsorte z.B. eine Feingießerei in Ingolstadt neben feuerspuckenden Hochöfen für eine Fernsehproduktion oder in eine Waggonfabrik.

Fast zu selten wollen Veranstalter unbedingt einen kleineren Flügel wie mich. Das war auch gut so, als ich für das Internationale Filmwochenende in Würzburg in das Corso-Kino sollte, weil eine Filmpremiere mit live-Jazz-Band vor der Leinwand geplant war.

Als wir ankamen, schüttete es draußen vor Regen. Die Gummikufen von pianoplan waren pitschenaß. Das gibt die ideale Verbindung mit einer so schön glatten Marmortreppe, die in die erste Etage zum großen Saal führt!

Eine Viertelstunde lang mußte Wolfgang die Gummiketten trockenföhnen, bevor wir anstandslos die Treppe hinaufkamen. Oben war zum Abkippen die Decke wieder fast zu niedrig; der 8955 wäre hier kaum durchgekommen. - Wie schnell wir sind zeigte sich bei einem Einsatz nach Wiesbaden. Von Leinach aus dorthin, mich aufstellen, und dann zurück brauchte Wolfgang läppische dreieinhalb Stunden!

Zelt-Festival

Wegen der immensen Strecke notgedrungen länger hat ein Super-Einsatz von Wolfgang gebraucht: Er fuhr Sonntags um 13.30 Uhr in Leinach ab, holte 8955 in Berlin von der Free Music Production aus der Akademie der Künste um 1.00 Uhr nachts unmittelbar nach dem Konzert ab. Von kurz nach 1 zockte er durch bis Freiburg im Breisgau, wo er mich, der ich schon geladen war, beim Zeltmusik-Festival (Juni 1995) abliefern sollte für ganze drei Wochen.

Und tatsächlich konnten wir den Termin einhalten, denn ich stand pünktlich um 11.30 Uhr im Zelt. Und in was für einem Zelt: Das schönste haben sie für mich ausgesucht, das Spiegelzelt. Wie ein altes Zirkuszelt rund, an den Pfosten, Wänden, überall kleine Spiegel, die der Szene eine stark nostalgische Stimmung bescherten. Hier fanden viele verschiedene Veranstaltungen in den drei Wochen statt.

Und das große Schild, das Wolfgang auf mich stellte, daß nichts auf mir abgestellt werden sollte, verschwand natürlich, und er fand mich unter einem Berg von Styropor-Verpackungsresten wieder. Dorthin würde er nur noch mit unmittelbarer Aufsicht einen Flügel stellen.

Einen ganzen Monat verbrachte ich diesen August zu Opernproben beim Treffen in Bayreuth. Irgendwer transportierte mich ohne Rücksprache in einen anderen Proberaum und schraubte meine Beine falsch herum an und versah mich mit einigen Kratzern. Das gab wenigstens eine Entschädigung von der Versicherung.

Im September 1995 darf ich wieder die Orthopäden beglücken, diesmal spielt Wolfgang einen Block klassische Musik beim Referentenabend und am nächsten Tag sind die Jazzer mit mir und dem gleich großen Steinway C aus dem Stadttheater am Jazzen im Duo.

Streitgespräche

Seit einiger Zeit scheint die Auftragslage bei der enorm hohen Finanzierungsverpflichtung für die beiden Flügel und das Wochenendhaus nicht genügend ergiebig zu sein, zumal bedauerlicherweise die Vermietungsaufträge von Bösendorfer aus Wien ganz aufgehört haben. Außerdem kam am 7. Oktober 1995 noch ein Mädchen in die Familie, Mia Chiara; also wieder Körbchen auf dem Deckel und gut auf Bösi schlafen.....

Wie immer trifft es jetzt die Kleinen: Wolfgang und Ute beschließen nach etlichen anstrengenden Gesprächen, das Wochenendhaus und mich zu verkaufen. Es werden für meinen Verkauf Anzeigen in Fachzeitschriften geschaltet, eine in der FAZ, doch es melden sich nur halb interessierte Leute, die wegen außermusikalischer Kriterien einem Kauf dann doch nicht nähertreten wollen.

Ein japanisches Ehepaar aus Bamberg kommt, um mich anzuschauen. Die Frau spielt auf mir einige Zeit; meine Klangfarbe ist ihr aber eine Spur "zu hell". Nun, das ist und bleibt halt Geschmackssache, und über Geschmack kann man sich nicht streiten.

Als das Gröbste durch den Verkauf des Wochenendhauses schon gerettet ist, hat Wolfgang schon aufgegeben, mich so einfach loswerden zu können.

Da schiebt der erste Geiger vom Landestheater Detmold der Korrepetitorin die Zeitschrift "Das Orchester" hinüber und sagt, auf meine Anzeige deutend: "Du wolltest doch schon immer so einen Flügel". Sie ist erstaunt, ruft an. Es läßt sich nach meinem letzten Auftrag auf der Klassik-KOMM-Messe 1996 in Köln ein Treffen im Klavierhaus Sund in Mülheim/Ruhr arrangieren, ich gefalle ihr, und sie kauft mich nach einer kleinen Überholung durch die Techniker von Sund.

Am 30. Oktober 1996 bringt mich Wolfgang dann ins schön ruhig gelegene Haus von Friederike. Sie ist eine sehr charmante Frau, die auch viel singt. Bei ihr will ich nun einen beschaulicheren Lebensabschnitt antreten.

Aus dem wunderbaren Lied von Richard Strauss "Der Morgen" möchte ich zitieren: "...stumm werden wir uns in die Augen schauen, und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen". Meine Abwandlung heißt jetzt: Stumm laß ich mir in die Tasten greifen, und werde nur noch klingen, nie mehr schreiben..........

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